Chapter 13 of 48 · 3969 words · ~20 min read

Part 13

Das Kind zog die Luft gleichmäßig mit hohem Tönen ein, gab sie rasch von sich. Eine Pause. Wieder hohes Tönen Blasen. Die Ärzte hielten das Vergehen der kleinen Seele nicht auf. Als es frühmorgens nicht mehr blitzrasch das Köpfchen warf und mit suchenden Augen nach rechts und links fuhr, und ohne die Wimper zu bewegen aus großen runden Augäpfeln, trübe überhauchten, die in Schwärze liegende Decke betrachtete, bewegte sich die mütterliche Divoise, das violette Seidentuch über Rumpf und Gesicht, heran an das Bett, lag eine Weile zu Füßen des schweigenden Wesens. Mit dem Gesicht aufliegend nahm sie finster schluchzend das Füßchen des Kindes in den Mund, sog daran, legte es sich an den Hals. Trug das tote Wesen im Zimmer herum, setzte sich, während das Tuch rückwärts von ihr abfiel, auf den Stuhl, den eben der Arzt verlassen hatte, hielt das Erstorbene auf dem Schoß, setzte es auf; die Arme schlenkerten an dem kleinen hemdbekleideten Mädchenkörper. Marion, nicht hörend, was man ihr sagte, hielt das Kind fest, wickelte es in ihr wieder aufgerafftes Tuch, schleppte es durch das Zimmer, summend, mit festem Schritt. Dies tat sie stundenlang bis zum Morgengrauen: gehen, das Kind wickeln aufsetzen, bis es steif geworden war und aufrecht auf ihrem Knie saß mit gesunkenem Kopf. Eine Frau nahm ihr das kalte wachsfarbene Wesen aus den Händen: „Nun ist’s gut, Marion! Nicht wahr, nun ist’s gut?“ „Ich hab es nicht weggegeben“ zitterte Marion mit leeren Händen, „du hast es mir weggenommen, das mußt du wissen.“ Saß noch da, wie das Erstorbene zugedeckt wurde. „Mein Tuch drüber, mein Seidentuch. Nun hast dus weggenommen. Nun ist es geschehen.“

Aus dem stillen Zimmer ging sie. Über einen Flur. Wie sie eine Tür öffnete, schlief drin das ältere Kind. Das Morgenrot schien herein. „Warum nur das eine? Warum nur? Es könnte auch das andere sein. Soll ich warten?“ Sie zitterte von den Knien aufwärts in Wellen bis in den Hals; nahm das schlafende Kind mit zwei besinnungslosen Griffen hoch. Schon schrie es aus ihrem Mund: „Desir, Desir.“ So bündig scharf schrie es aus ihrem Hals, er war in wenigen Augenblicken bei ihr. Sie preßte, den Mund schließend, zwischen den Zähnen, sich vom Licht abwendend: „Da ist das Kind. Da hast du es. Leg es hin.“ Er mußte ihr die Finger ablösen von den Ärmchen des Kindes, das schlafend über ihrer Schulter hing, einen kalten verklammten Finger nach dem andern.

Sie haßte von da ab Marduk. Nichts beglückte sie so, nichts war ihr inniger als der Haß auf Marduk, den langen Menschen, braunschwarz, mit dem Riesenkopf, den dunklen ernsten Augen, den unsicheren Beinen. Wenn sie heimfuhr von dem Kind, von ihrem Mann aufstand: dies empfing sie doch und hüllte sie gewaltsam ein. Es war etwas wie ein Rachegefühl in ihrem Haß. Ruhig hielt sie damit an. Sie war ihrer Dinge gewiß.

Sie stand eines Tages vor Marduk, der aus der Wand der Uralischen Flammen hervortrat zwischen den flüchtenden versinkenden Menschen. „Komm da weg“ herrschte sie ihn an „du stehst da schlecht.“ Sie zog ihn an die Schädelpyramide: „Da stehst du gut, Marduk. Bleib da stehen.“ „Was willst du, Balladeuse.“ „Balladeuse, Balladeuse. Mir liegt an Balladen nicht. Es waren nicht meine Balladen. Ich kann nur sagen, daß –“ „Daß du mich liebst.“ „Daß ich dich liebe? Bist du verrückt, Marduk. Ich dich lieben? Wofür denn? Um was?“ „Lach nur. Darum bist du hergekommen, darum habe ich dich ohne Wachen hereingelassen. Es kommen öfter welche herein. Ich merke es gleich. Es macht mir nichts aus.“ Sie trat an ihn heran: „Du bist wahnsinnig, Marduk. Ich verbiete dir so zu sprechen. Es ist schamlos. Ich habe dir nichts getan, daß du mich beleidigst.“ „Dir sind deine Kinder gestorben, Marion, du bist hergekommen, daß ich dich tröste.“ „Mein Kind lebt, eins ist gestorben.“ „So lieb dein Kind.“ „Was geht dich mein Kind an? Steh bei den Schädeln. Wenn es nach dir ginge, wäre die ganze Erde eine Schädelpyramide.“ „Ich muß die Wache rufen.“ „Ruf sie, ruf sie nicht, Marduk. Tus. Tus nicht. Mein Himmel, was soll ich sagen.“ Sie war plötzlich bläulich blaß geworden. Zitterte bis zum Schwanken. Sie war in schrecklicher Bedrängnis, sah an sich herunter, kratzte, rieb sich die Finger: „Ich hab mit dir nichts zu tun. Ich weiß nicht, was ich von dir will. Du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich liebe dich. Ich werde nicht von hier weggehen. Du darfst deine Wache nicht rufen. Laß laß mich noch hier stehen. Ich sterbe noch früh genug. Du kennst mich nicht.“

Ganz still stand der lange Marduk. Die Divoise warb um ihn. Er fühlte nichts, aber ganz im Innern erbebte etwas in ihm, wie in einer Stadt die Scheiben leise klirren von den Donnerstößen einer sehr fernen Schlacht. Sein Mund fing an sich zu einem Lächeln zu verziehen: „Ich habe manche Geschäfte, Marion Divoise.“ „Ich auch.“ „Was soll geschehen?“ „Laß mich –“ sie war am Schwanken, schloß den Kopf zurückbiegend die Augen, schluckte, „– laß mich – in dem Hause bleiben. Ein paar Stunden.“ Sein Inneres erbebte stärker, tiefer innen; er zog die Muskeln seiner Arme zusammen, ballte die herabhängenden Hände, leise: „Das ist bei mir nicht üblich. Ich habe keine Frauen bei mir.“ „Laß mich – in deiner Nähe – sein, Marduk.“

Er mußte um die Pyramide herumgehen; trat unter das große Flammenbild, kam wieder hervor, im braunschwarzen offenen Mantel. Die Divoise hatte die Augen geschlossen, bewegte sich nicht, unkenntlicher Ausdruck über ihrem Gesicht. Die Augen riß Marduk auf, biß sich auf die Unterlippe. Er wußte nicht, was in dem Raum umging, was seine Schulterhaut mit Hitze und Kälte überschüttete. Er fühlte seine Beine gedrängt, sich nach ihr hinzubewegen, lachte leicht, wie er ihre Hand anrührte: „Also, ich werde dir ein Zimmer geben lassen hier. Verbreite es nicht. Es ist nicht meine Art.“ Ihre Hand zuckte zurück; tonlos sagte sie: „Dies ist gut von dir, Marduk.“ Er sah, wie sehr sie litt, faßte sie, die betäubt schien, am Arm, führte sie durch einen Gang in ein Zimmer, wo sie sich von ihm losmachte, sich setzte. „Ich bin, Marion Divoise, nicht weit von hier. Du hebst diesen Griff. Man sagt dir, wo ich bin.“

Die blonde Balladeuse lag mit dem Gesicht auf dem Tisch. Erst als er hinaus war, stieß sie das tierartige Stöhnen aus, das schon lange in ihr gesteckt hatte, schlug sich die Brust, zerzupfte die Fransen der Tischdecke. Um – plötzlich – anzuhalten, die Hände herabfallen zu lassen. Matt wurden die Schultern, weich sank sie über sich zusammen, lächelte eingedeckt hingedrückt vor sich, stützte den Kopf auf den Arm, hingebend: „Ich bin hier. Gelandet. Oder gestrandet. Oder. Oder. Marduk kann jeden Augenblick kommen; wenn ich den Griff hebe, wird er kommen. Meine Hand kann das, meine liebe kleine Hand. Ich in seinem Haus, unter seinem Dach. Marion Divoise, du Süße, jetzt ist das beste: du schläfst!“ Dachte nicht an ihr Kind, Desir, die Menschen, die an ihr hingen. Kam sich vor wie am Ende eines langen Wegs. Und die Arme unter den Kopf gekreuzt schlief sie eine süße Stunde. Fühlte, wie sie sich aufsetzte: „Welch verzaubertes Haus. Was ist mit mir geschehen. Ich kann mir nichts denken, was so schön ist wie dies jetzt. Marduk soll kommen. Marduk soll kommen.“

Man sagte ihr, wie sie den Griff hob, daß Marduk auf seinem Zimmer schliefe. „Auch er. Er auch.“ Sie faßte sich an die Brust, ihre Augen leuchteten. Wie es dunkel wurde, hob sie wieder den Griff. Da schlief Marduk noch. Verwirrt ging sie an den Apparat. Die ruhige Männerstimme kam heraus, der Konsul liege im Schlaf auf seinem Zimmer.

„Ich bettle, ich bin versklavt. Ich muß mich rüsten.“ Laut sprach sie sich vor: „Er kommt bald“, die zerzupften Fransen des Tischtuchs vom Boden sammelnd und in einem Haufen auf dem Tisch bergend; daneben setzte sie sich. Sie drückte den Lichtknopf.

Wie die Tür aufging, stand Jonathan in weißer Seide da. „Ich war bei Marduk. Er sagte mir, daß du hier wärst. Ich freue mich dich zu sehen.“ „Er hat dich geschickt.“ Jonathans Stimme war erfüllter, klangreicher, fester als sonst: „Nein. Ich bin selbst hergekommen. Er warf es nur nebenbei hin. Ich wollte dich sehen.“ „Was ist an mir zu – sehen, Jonathan. Du kennst mich doch. Du wolltest vielleicht etwas anderes. Von dir hatte ich es nicht geglaubt.“ „Was ist, Marion?“ „Daß du dich täuschen wirst. Daß ich hier bin, kann ich nicht verheimlichen. Ich schäme mich aber nicht. Garnicht. Daß dus genau weißt.“ „Ich höre, Marion Divoise.“ „Ich habe nichts zu verbergen. Da bin ich. Und jetzt schäme du dich, daß du hier hereinkamst.“

Jonathan, die Arme an der Tür verschränkend, schlug das rechte Bein vor das linke: „Ich bin hier, um dich anzusehen, Marion Divoise. Wenn du noch mehr sprechen willst, sprich.“ Sie bog glühend den Kopf über die Seidenfasern auf dem Tisch: „Was wollt ihr mit mir machen.“ Und langsam ging der weiße junge Mensch von der Tür weg auf sie zu: „Komm, steh auf.“ Und nochmal: „Komm.“ Und wie sie finster aufstand, legte er beide Arme um ihre Hüften. Rutschte, plötzlich schluchzend, von innen gestoßen, an ihr herunter: „Tu an ihm, was du willst. Tus, Marion. Ich bin nicht dein Feind.“ Und wie sie die Hände herunterließ, zog er sie vor seinen Mund, küßte sie. Sie hob den jungen Menschen an sich hoch, der immer stammelte: „Du bist hier, bei ihm; du bist hier“ und ganz außer sich war. Er umschlang ihren Hals. Seine Augen brannten und irrten: „Ich weiß nicht, Marion, was es auf sich hat, daß du hier bist und wer dies gefügt hat. Aber es kann geschehen, daß du mit einem Schlage mich und ihn tötest.“

Wie sie ihn von sich abdrängen wollte, lachte stöhnte er an ihrem Hals: „Du kennst das Menschenleben nicht, Divoise. Du siehst nur immer zu. Vielleicht jetzt nicht so. Du weißt nicht, was hier geschieht. Und durch dich. Es ist gut. Ich sage dir, es ist gut. Ich habe dich nicht hergerufen, aber nun bist du da, nun ist es geschehen, ich begrüße dich, ich segne dich, daß du herein kamst, Divoise.“ So stammelte er, ließ in trunkener Schwelgerei von ihr. Die Hände gegen sein eigenes lächelnd angehobenes Gesicht gelegt, ohne ihre Fragen zu beantworten, stolz, fast feindselig ging er hinaus.

Eine Wache führte sie auf Marduks Zimmer. Das war ein halbdunkler schmaler hoher Raum, weißlich von allen Seiten blinkend, als sei er mit Blech ausgeschlagen. Schalter Kästen Hebel in Fuß- und Brusthöhe angebracht. Auf dem Tisch, der im Dunkel lag, flammten Tafeln mit Ziffern und Schriftzeichen auf. Trübe blickte sie Marduk, auf einer niedrigen Bank hockend, an, wie sie im helleren Türlicht stand. „Marion, tritt ein.“ Sie schöpfte Luft: „Kann ich mich setzen?“ Sie saß auf der Bank an der Tür, und wie sie eine Weile den Kopf nach unten gebogen hatte, hielt sie seinen Augen stand: „Marduk, ich will dir etwas von mir sagen. Ich habe ein Kind verloren. Das war ein Schild vor mir. Es ist hin. Auch von dem andern weiß ich nichts mehr. Ich bin schutzlos. Du siehst meine Schande. Ja Schande. Wenn etwas Schande ist, so ist es dies, daß ich hier vor dir auf der Bank sitze.“ „Es hat noch keine dagesessen.“ „Das tut mir nichts. Ob eine oder keine dagesessen hat. Ich bin nicht eine oder keine. Ich hätte hier nicht sitzen dürfen und nun ist es geschehen und da bin ich.“

Sie bog ihren Leib nach vorn, ballte die Hände vor dem Mund. Vom Tisch kam es: „Was hast du dahin geworfen, an den Boden?“ „Was?“ „Das da. Das Dünne. Die Fasern.“ „Fasern von dem Tischtuch drüben. Ich hatte sie in der Hand behalten.“ „Tu sie weg.“ „Was?“ „Heb die Fetzen auf, Marion. Sie sollen da nicht liegen.“ „Die Fetzen?“ „Ja, du sollst sie aufheben. Du hast sie hingeworfen. Wozu wirfst du sie hin.“ „Ich heb sie auf, Marduk.“ „So tus.“ Sie weinte am Boden, die Fasern zusammenlesend: „Ich kann nicht aufstehen. Oh meine armen Hände. Ich kann nicht mehr.“ Sie sank mit dem Gesicht auf den Boden. „Marion, erbittere mich nicht, du sollst die Fetzen aufheben und hierher auf den Tisch legen.“ „Ich tus ja, Marduk. Ich kann jetzt nicht. Da, da, das sind alle. Jetzt sinds alle.“ Sie legte sie vor ihn, stand auf und ab zitternd neben ihm. Er betrachtete sie, erst ungehalten, dann mit freudiger Verachtung, legte die Hand an ihre Hüfte. „Laß das, Marduk. Du denkst, du hast gewonnenes Spiel. Du willst mich wegwerfen. Nimm den Arm weg.“ Und eben noch trübe vor sich stierend wogte sie auf und ab, warf sich an ihn auf der Bank, umschlingend, ihn niederziehend: „Doch. Es ist gut. Da bist du. Es ist gut. Jetzt ist es gut. Mir ist wohl. Ach ist meinen Armen wohl. Ach ist meinem Kopf wohl. Ich bin gesund. Da, ich zittre nicht mehr. Mir ist ganz gut vom Kopf bis zu den Füßen. Wie hätte ich das geglaubt! Beweg dich. Jetzt kann mir nichts mehr geschehen. Jetzt zerreiß mich, schlag mich, wirf mich zum Fenster hinaus.“ Und sie ließ von ihm, dehnte sich selig allein: „Dies ist das Leben, Marduk, sag ich dir. Dies hab ich nun geschenkt bekommen. Du hast es mir geschenkt.“

In ihm klirrte es. Von der Brust stieg in den Hals eine Verschnürung, seine Arme waren in Eis getaucht. Er hatte einen Widerwillen, eine Wut auf diese Frau. Sie griff ihn an. Man mußte sie belehren. Das saß neben ihm auf der Bank, reckte sich, sprach, Fasern lagen auf dem Tisch zerstreut. Seine Hand griff nach den Fasern, er drehte die Augen nach der Frau: „Dein Gesicht her.“ Sie ließ sich die Hände abheben. Ihr Kopf hing nach hinten wie eines schlafenden Kindes. Sie blinzelte, als wenn sie ins Licht blickte. „Laß mich dich ansehn, Marion.“ „Ich kann nicht, ich kann nicht, Marduk. Jetzt kann ich doch nicht. Ruf mich an, ruf mich bei Namen. Wie ich heiße.“ Als er rief, lächelte sie, lachte träumte. Sie horchte, umfaßte mit dem linken Arm seine Schultern. Marduks Gesicht verzerrte sich. Er mußte mit Gewalt seine Wut festhalten. Während er sich spannte, dachte er: dies ist merkwürdig, was hier geschieht. Durch ihn trieb ein Gefühl, das zuckte bis in seine Zähne: man muß sich auf ein Flugzeug setzen, die Steuerung fallenlassen und durch die Wolken hin. Man muß tollkühn sein. Und dabei war eine Schwäche in seinen Lippen Armen. Und noch tiefer in der Brust. Das bewältigen. Sein Grimm stieg. Er schluckte und schlang. Er hatte schon den rechten Arm um sie gelegt, die weiche durchwogte lachende Balladeuse. Da veränderte sich sein Gesicht. Die Spannung war verschlungen, versunken. Er ließ den Arm nicht los, der linke Arm legte sich über ihre vor- und rückwärts schwebende Brust. Das steuerlose Flugzeug war da, das ihn forttragen sollte.

„Marion“ ließ er sich sprechen, verzweifelt, die kalte Nase neben ihrem Ohr, „das ist ein sonderbares Abenteuer, in das du mich führst. Ich weiß, es macht dir Spaß, mich dahin zu führen. Du bist ein tolles Wesen, ich habe viel von dir gehört. Ich soll auch einer von den vielen sein, die auf deiner Strecke liegen. Das willst du, daß das geschehen soll. Ich weiß es.“ „Was weißt du, Marduk“, lachte die Balladeuse. „Daß du hergekommen bist, mich zu unterwerfen. Mich unter deine Füße zu kriegen.“ Er wollte es, versunken verschlungen, wie er war, hören. Er spitzte seinen Mund, sprach ihr in Gedanken die Antwort vor. Aber sie gehorchte nicht, bewegte sich in seinen Armen: „Es ist die Seligkeit. Du kannst mir sagen, was du willst. Es hat sich erfüllt.“ Er rüttelte in einem fragenden Widerstreben an ihr, aber sie wich nicht. Da mußte er nach ihren Schläfen greifen, um ihren Mund mit seinen trockenen Lippen zu berühren; fest drückte er seine Lippen, gewaltsam auf. Aber wie von einer Feueresse prallte er zurück, vor diesem heißen Atem, der langsam strömte aus diesem ruhenden Leib. Die Luft strömte ein. Feucht glänzten die weißen Zähne. Er bettelte in höchster Bestürzung; jetzt war er verloren; seufzte, sich an sie pressend: „Nun ist gut, Marion. Nun hab ich dir gegeben, was du wolltest. Geh jetzt weg. Lebwohl. Nicht wahr, du gehst, du wirst gehen, gleich aus diesem Zimmer. Ich habe viele Geschäfte, wir sitzen hier. Oh, Marion, geh doch. Warum sitzest du hier, was sitzest du hier.“ Dabei hielt er sie gepreßt. Von einem Dunst fühlte er sein Gesicht überzogen, als wenn es auftaute. Seine Hände schwollen schwer und heiß an, wuchsen zusammen. Die blonde Divoise richtete sich auf, löste seine Hände von ihrem Hals ab, lächelte, von ihm abrückend, ihm zugewandt, mit kaum gehobenen Lidern: „Jetzt werde ich gehen? Jetzt werde ich gehen? Wohin soll sie denn gehen, die Divoise, Marion. Sie weiß nicht. Komm her, Marduk, steh auf. Steh auf. Deine Beine sind nicht stark, aber stehen kannst du. Da stehst du. Warum soll sie denn gehen. Sie will nicht gehen.“ „Was willst du denn. Du sollst gehen.“ „Ich bleibe.“ Da war er von dem glühenden Hauch überströmt, der Sturm raste durch ihn, er stand da und sah zu, knirschte: „Bleib hier.“ Und sie ruhig: „Ich bleibe. Da bist du. Bist du nicht da.“ Er sie umschlingend, die stand, er stöhnte lachte wütete: „Ich bin da. Da hast du mich. Da hast du mich.“ Sein ganz offenes glührotes Gesicht, sein Kopf, der hin und her schleuderte, die Mienen aufgelöst.

„Du, Marduk, sieh mich an. Ich habe schon viele Männer gehabt, weiße und farbige. Ich möchte mit dir eine Wette eingehen. Ich weiß, du willst mit mir kämpfen. Ich werde mit dir kämpfen. Wenn du mich zur Lust bewegst, wenn du Lust in mich bringst, wenn ich erliege –“ – Sie hatte ihm das Gesicht voll zugewandt, ihre Augen flimmerten, sie warf sich lachend auf die Bank, klatschte die Hände zusammen, ganz leise klang ihr Lachen. „Was ist dann?“ „Wer erliegt, Marduk, der muß weg.“ „Was meinst du?“ „Es ist eine große Wette.“ Ihre blaugrauen Augen flimmerten und drehten sich. In ihm schluchzte schlingerte es hin und her. Er war ihr dankbar; ah, sie war ein Weib. „Nimmst du den Kampf auf?“ „Wohl, wohl, Marion.“

Sie standen in Umschlingung, sie kicherte zitterte: „Wir müssen die Wette schließen. Ich glaube nichts. Ich weiß nichts. Dies ist die Seligkeit, die ich habe. Wenn ich lache, so mußt du nicht glauben, daß ich selig bin, weil ich am Ziel bin. Ja, ich bin selig, – und auch, weil hier mein Kampfplatz ist. Weil du mein Kampfplatz bist. Hier bin ich zu Haus. Dich wollte ich. Ich habe, habe dich unendlich gehaßt, ganz ohne Maß. Mein Haß war mein Rückgrat. Jetzt hast du dich gestellt. Ich kann dich nicht loslassen, ohne daß ich dich ganz bis in mein Mark hinein gefühlt habe. Ohne daß du mit mir gekämpft hast. Wenn du mich nicht zwingst, mußt du weg. Wer erliegt, muß weg.“ „Ja.“ „Verstehst du das; der muß weg. So will ich es. Wenn ich dir erliege, wenn ich an dir vergehe, sollst du mich bei der Kehle nehmen und umbringen. Oder was du willst. Das soll geschehen. Es gibt keine Gnade. – Ich bin schon da.“

Sie hatte den Lichtknopf geschlagen, das Licht war erloschen, das Kleid raschelte von ihr. „Ich bin da, Marduk, wo bleibst du.“ Eine ganz andere Stimme klang aus ihm, er hörte sie nicht: „Du sollst nicht auf mich warten.“ Sie griffen sich im Dunkeln an, warfen sich auf sein Bett. Das hilflose Geschrei in ihm war verstummt, er hatte sichere Arme, er wunderte sich nicht, woher er sie hatte, seine Hände waren fest wie sein Nacken. „Du hältst das wohl für ein Spiel“, stöhnte sie, „mein Lieber, da irrst du. Du glaubst wohl, ich sei ein verliebtes Weib, das sich hinwirft. Du irrst. Ich habe Dutzende Männer gehabt, sage ich dir, farbige und weiße, schöne zarte und starke. Die haben mich alle angefaßt wie du. Ihr seid mir nichts. Ich habe sie weggeworfen. Ich gebe dir meinen Schoß, du brauchst mich nicht zu zwingen. Du brauchst nicht danach zu drängen. Ich rate dir, Marduk, habe Geduld, dir liegt daran zu leben. Nicht wahr, du möchtest in diesem Zimmer sitzen, die Tafeln da blinken auf, du gibst deine Zeichen, du hast deine Waffen, man kann nichts gegen dich. Das – ist – in drei Minuten vorbei, Marduk!“ Der Mensch, der sich sonst Marduk nannte, gab zurück: „Ich habe keine Geduld. Du wagst es nicht.“ „Ich wag es nicht. Ich wag es nicht. Vielleicht will ich mir noch den Augenblick verlängern mit dir. Zittere ich etwa. Mit dir will ich ringen. Mit dir werde ich ringen.“ „Du hast das Licht ausgeschlagen.“ Sie hatte seinen Mund gepackt, ihr Mund lag auf seinem; sie stammelte zwischen seinen Zähnen. „Ich will mit dir ringen, nicht mit dir sprechen. Du dummes Mannstier. Du, was bist du denn. Haha, ich fühle dich, zottiger Kerl, bist du stolz auf diese wüste Brust, daß dir ein Bart an den Lippen wächst. Laß dich in den Bart ganz einhüllen. Ich habe schönere Dinge als du. Ich habe einen Busen, an dem Kinder getrunken haben. Meine Haare sind lang. Fein und lang und weich sind sie. Ich hab überall glatte Haut. Wenn ich gehe, auf meinen schönen festen Schenkeln, sehen die dicken unflätigen Mannstiere hinter mir her.“ „Warum hast du das Licht ausgeschlagen?“ „So ist es. Du kannst sprechen, was du willst.“ „Ich werde dir sagen, wer ich bin. Laß meinen Mund frei. Ich küsse dich nicht.“ „So sag es mir, so lang du noch lebst.“ „Du Unband, du weiches warmes Wesen, ich hab nicht nötig dir zu sagen wer ich bin. Du willst dich vor mir verstecken.“ Eine rasende Angst zuckte, dunkelte in ihr auf: „Mein Gott, wer spricht da, mit wem hab ich mich eingelassen? Was hab ich getan? Das wollte ich nicht.“ Und dann wieder flutend: „Das wollte ich doch. Das will ich. Das willst du, o Marion Divoise.“ Sie flehte: „Bist du, Marduk, der den Saal vertrieben hat, ich will es hören.“ „Du weißt es.“ „Und willst du nicht fragen, Marduk, o Marduk, wer ich bin. Willst du es nicht?“ „Balladeuse, wer du bist, die Dutzende Männer gehabt hat, farbige und weiße, starke und zarte, werde ich bald erfahren haben.“

Da schrie sie. Und wie er seine Lippen zwingend gegen ihren Mund preßte, umschlang sie ihn. Eine dunkle wallende Verschwommenheit war in ihm, war Marduk. Und in dem Weinen Toben Grimmen war die Gnade, die Seligkeit aus der Balladeuse genommen. Sie hielten sich bewegungslos. „Ich habe dich, Marduk. Du hast mich. Du willst es so. Wir entgehen einander nicht. Ich habe dir die Wette angeboten; ich werde dich nicht um Gnade anflehen. Ich bin gewappnet. Du möchtest mich mit deinen Knochen zermalmen. Du mußt nicht glauben, daß du stärker bist als ich, du feiger Marduk, schwacher Marduk; mich begnadigst du nicht.“ „Wenn ich dich sehen könnte, Balladeuse. Wie gut, daß ich deine Stimme höre. Sprich nur weiter.“ „Wie gut, daß ich dich höre, Marduk. Ich besinne mich wieder. Daß ich dich nicht vergesse. Weißt du schon, warum ich dich herausgefordert habe? Um dich zu demütigen. Um dich erbärmlich zu sehen. Es wird mir in drei Minuten gelungen sein. Jetzt erschreckst du mich nicht. Jetzt reiße ich den Vorhang von dir herunter.“ „Sprich nur weiter, Balladeuse.“ „Jetzt willst du meinen Mund. Weil du ein Mörder bist. Weil du nur Mord kennst. Und mich ersticken willst. Mein Mund ist nicht für dich. Du möchtest träumen.“ „Ich werde aufstehen und einen Dolch gegen deine feigen Worte nehmen.“ Sie jubelte: „Darauf wartete ich schon. Darauf wartete ich. Marduk, tus doch. O tus doch.“ Er schlug mit der Faust gegen die Wand; leiser Lichtschein kam von der Tür her.

Sein großer zerwühlter Kopf erhob sich, schnaubend, das verzerrte Gesicht, die brennenden sie suchenden Augen. „Wer, wer will träumen, Divoise? Wer träumt?“ Ihr Blick wurde starr. Dies war er, Marduk. An diesem Leib hing sie. Diesen Rumpf hielten ihre Arme.