Part 23
Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen kranken gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als von der Berührung mit den Frauen dieser Deputation. Zu ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen wurde sie unter Widerstreben, zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als die Ratschenila die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen Liebkosungen. White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren und die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend, Delvil Pember und die andern möchten auf sie keine Rücksicht nehmen. Möchten sich gar nicht von ihr beeinflussen lassen. Sie sei ein pathologischer Fall. Sehr nachsichtig streichelte ihr der schlanke Delvil oft die Hand: „Wie denn, White Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle pathologische Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila, die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum bist du ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du, soll ich es sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker; jetzt heißt du mit Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken, rote Tulpen: da spiegelst du dir wieder deine Farbe an.“ „Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. Du warst ein Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst ist man töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts. Man ist so nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark bleiben müssen. Marduk war stark.“ Delvil umschlang ihre Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes Seeungeheuer Walfisch, der immer unter der Oberfläche schwamm und sich jetzt wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft. Du bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen. Ich will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume und Zimbos wachsen nicht in den Himmel. Wer sehen kann, White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. Der Strom hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“ Die Frau löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn ich gar nicht aus dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin, sondern umgekehrt. Aber ich muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“ Und sie ging langsam fort. Trübe blieb Delvil sitzen.
Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken Frau entledigt, trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die unsicheren amerikanischen Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren, nicht nachgeben“ fühlten sie; man durfte nicht ausgleiten hinrutschen.
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Auf den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der Herrschenden her die Vorstellung von guten und bösen Gewalten aus, die man erkunden und geschickt benutzen mußte. Es beteten noch vereinzelte und ganze Landschaften zum alten Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den Inseln wie in zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents schlaue Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine Technik der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die früheren fremd und halbwild hin- und herflottierenden Massen waren dem zauberischen Wesen zugetan, das sich mit dem imposanten Schein wissenschaftlichen Geheimnisses umgab. Die jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald geängstigt, durch ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in der Mark und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung zu entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft, vor der sie sich fürchteten. Und um so mehr fürchteten, je weniger sie ihre Lage zu verändern wagten.
Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen saßen damals, als wären sie Priester, in tempelartigen Häusern, wo sie mit Gehilfen kultartige Handlungen vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In lautlosen Räumen unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen Treibhäusern, flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten. Sie hatten, auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene Hallen. Den Boden bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas. Auf die blanke Fläche warfen sie gleichmäßig dünnen Sand, ließen an bestimmten Tagen den frei herkommenden Wind darüber. Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. Träume trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten die Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten nach, die in die Träume hineinragen, wie eine Walfischherde, die das Meer beunruhigen, wenn sie hochgehen, und kleine Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt waren um diese Zeit die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die herrschenden Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und ihre Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger wucherten phantastische Vorstellungen.
Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen astrologisch, in phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und langen Haaren, lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier- Pflanzentracht dumpf orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken in die unruhigen Stadtschaften geworfen. Wagen mit den Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus den unterirdischen Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer und roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich herum, kleideten sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen waren von Geistern umgeben. Die Schamanen wisperten: In den Riesenanlagen der Mekifabriken ginge es abenteuerlich grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze in die Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure Becken mit halbtoten Pflanzen, Moos und Algen werden die Stoffe geschlämmt, über sterbende Tiere gerieselt. Die lebten immer weiter, immer weiter. Schon seit der Zeit vor dem Uralischen Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete. Da liegen und zucken Glieder von Menschen, von Negern und Weißen, die hundert Jahre alt seien und noch älter. Von dem Geist dieser halb toten und sterbenden Moose Algen Tiere Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern Fischrümpfe Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde Salzen Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden, die sie aßen. Die halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den Mekifabriken aufbewahrt. Kein Licht Mond Sonne scheint drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht Frühling Sommer Herbst Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, Schlammtröge, Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber die nicht sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt zu arbeiten und nicht nachzugeben. Wie ein Müder, ein rippendürres Geschöpf noch zu Laufen Laufen Laufen gepeitscht wird, es läßt sich treiben, wimmert mit eingesunkenen Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten diese erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist das einzige, was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen sie Erde Sand Salz Luft. Inzwischen ginge es ihnen nicht anders wie jenen gefesselten Pflanzen und Tieren. Was nicht lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine Fähigkeit wie Leben. Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, der leben kann.
Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es sei von ihnen beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt, daß die Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen Wege Dächer, über und überfüllt von Geistern seien. Wenn sie, die Schamanen, sich mit ihren Tüchern einhüllten, so daß sie nicht geschädigt würden, und dann zu bestimmter Stunde durch die Straßen zögen und die alten indianischen Worte: „Oh Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem Hof, vor der Tür drängten sich die Geister immer. In der Nähe der Tempel mehr als sonstwo. Hingen da an den Türpfosten wie Handtücher; lang wie Würmer ziehen sie sich durch die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die Wände. Man hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen zwischen ihnen. Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße Mischlinge Farbige Kinder Männer Mädchen, auch Hunde Ziervögel Katzen. Geht man die Straßen, so werden es Tausende. In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen sie in die Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die Wurzeln heranzukommen. Manche Bäume sind von ihnen überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur wenn die Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten Finger herunterfährt.
„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn wir nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für Menschen Hunde Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt von ihnen. Manche sind nicht von hier, sind weither gewandert geflattert geschwommen. Aus fremden Stadtlandschaften, östlichen südlichen Ländern. Viele müssen über das Meer gekommen sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden sein. Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich werfen lassen, in das salzige Meerwasser schütten und wieder erheben. Uralte sind dabei. Die Luft und der Drang scheint vom Süden und Osten zum Westen herüberzugehen. Wir haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in großen ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt hat. Sie haben überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen schwach gemacht, ihre Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren immer weiter westlich, über den Ozean, nach Amerika, auf die großen Gebirge, über Prärien, durch die Städte. Kein asiatischer Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, obwohl die die halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am mittleren Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das für Geister? Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen, wie wir, die nur geboren sind, nie gediehen sind.“
Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln hatten, lange trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald sie einige Jahre mannbar waren. Die Zeit einer heftigen überhitzten Brunst war da. Sie verbrannten und konnten nach fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die Weiber in ihrem Fett schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig Jahre verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister ihrer eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die Städte drängend drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern Türen Straßen lösen können, wie sie sich schon bei Lebzeiten nicht lösen konnten. Auf die Bäume fliegen sie, an die Teiche Seen. Aber die Stadt bringt immer neue hervor.
So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten die Angst, die alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in diesen Städten hatten. Die Menschen weinten. Vor Jahrzehnten weinten einzelne, jetzt klagewinselten ganze Städte. Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer. Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig Jahren schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben. Die Menschen wuchsen nicht zur Größe derer, von denen sie abstammten. Riesig wölbten sich nur überall die Köpfe; die Stirnen der späten Generationen waren vorgetrieben, die Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden wuchsen die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam; das Herz sehr klein; diese zerbrachen besonders früh.
Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig Fett an. Es gab in den westlichen Landschaften Menschen, die magere große Köpfe hatten, deren Hals zwischen Fettwampen schwankte, aber an Arme Beine hängte sich das Fett in förmlichen Kloben und Säcken, die über ihre Finger und Zehen quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie her, mit zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals und die Brust blieben noch schmal, freundlich und hilflos blickte oben ein Kopf her. Von den Brüsten ab schwollen sie an, dicker polsterten sich die Fettschwarten auf; der Leib warf sich auf den dreifachen Umfang der Brust, schwankte nicht bei Bewegungen, stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße paketartig zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren Rassen setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche auf in einigen Gegenden mit kolbenartigen Anschwellungen und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. Schlanke zarte Glieder bewegten sich in ungeheuren kuglig runden Scharnieren, zitterten daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen Fingergelenke, Knie, die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich diese Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte von den süßen sonderbaren reichen Speisen kommen, die man ihnen zutrug, nach denen ihre Eltern und Voreltern verlangt hatten, von der Untätigkeit, dem Lungern in geschützten Häusern, auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber es war wie ein Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten.
Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von Lähmungen befallen waren, die keiner deuten und heilen konnte. In Massen waren sie gelähmt. Arme und Beine wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht anheben, zuletzt lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die Speisen nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine Ärzte für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen Kreisen an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten die Mysterien der Zauberer an. In langen Zügen fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo die Tempelchen standen. Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie sich hier. Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem grellen Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen starben manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die Zauberer mußten nahe Siedler rufen, die Hütten für diese Verzweifelten errichteten. Manche erholten sich. Wie sich die Menschen, aus den warmen künstlichen Städten hergestiegen, auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal groß. Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden ausgestoßen gezischt geschluckt.
Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib. Meine Eltern haben in London gewohnt, meine Großeltern haben in London gewohnt. Sie kamen aus Afrika oder Amerika, waren stark. Dann wurde ein Zauber auf sie geübt. Sie waren schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie brauchten keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte sie mehr mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht meine Finger, meinen Hals, meine Brüste. Ich bin ein Weib. Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. Sind beide gestorben. Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein Gewehr um. Aber was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich so gemacht? Ich selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt. Die Herren in den Städten wissen was sie tun. Sie sind die Bösen. Die Bösen an mir, an allen. Vor Jahrzehnten haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie Krieg gegen mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind sie. Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler auf dem Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die Erde gesunken mit den Menschen, die in den Krieg zogen. Welches Leiden ist das. Wäre ich mit meinen Kindern in die Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar bin ich, nicht laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich schlucken. Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“
Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war groß, sie könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern heraus, man brächte ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie, für den Tag selbst zu denken. Nicht mehr erregt zu Wildheiten wie die voruralischen Menschen waren sie. Sondern weich zärtlich frühreif gedankentief, von Empfindungen durchstrudelt, nach Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, zum Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig am Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über die Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich diese Menschen bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger Zeit von sich abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher.
Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des afrikanischen Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden und Westen hatte nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der seine Häusersiedlungen fast vernichtet hatte, strömte Menschen aus wie die Sonne Wärme.
Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am tiefsten und eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten. Das waren Fulbe aus der Gegend der Guineaküste, waren Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine Pilgergemeinden aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem Wuchs mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen Augen, rötlich braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe, immer auf Taten aus, spielerisch wild, sonderbar gebrochene Charaktere, bald weich schmelzend, bald unnachgiebig. Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre Anwesenheit gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge. Bald wollte niemand den Glanz und die Munterkeit, die unbezwingliche Naivität dieser rötlichen und braunen Menschen entbehren, die sich gar nicht geneigt zeigten zu streiten. Sie hielten sich in Europa auf, als wären sie Regentropfen, die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die Angriffe, versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie diese Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen und zu erzählen verstanden, war den Europäern unerhört. Die Lieblichkeit ihrer Erzählungen und Lieder schmolz alle Herzen. Sie sangen und sprachen wie vor vielen Jahrhunderten Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich und der Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe zu Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen, Tigern, Löwen, der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem Zauber. Von Wasserfällen Pelikanen Krokodilen. Dazu von der Schönheit der großen Städte, in die sie eingetreten waren und die sie alle mit Namen benannten, was sehr sonderbar wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate der Städte die Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie Ausdrücke, die den Städtern zuerst lächerlich erschienen, weil man solche Worte nur an verschollene Dinge zu richten pflegte. Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ sie ihr Herz auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen strahlten vor Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren sie nach einiger Zeit überall zu finden. Und wie sie überall grasartig ausgewuchert waren, hatten sie ein neues noch nicht faßbares Element in die klappernden, schon lahmen, noch brausenden heulenden maschinengewaltigen Weststädte getragen. Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die Industrien leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt von diesen jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte.
Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser sich windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden Fulbe ihre kleinen Theater. Bauten sie, von den Lehren ihrer Priester geängstigt, abseits der Städte, in Wäldern, spielten eindringend und zart, unter ihren Zuhörern und Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr selten kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen. Denn diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen von der allgemeinen Furcht in den riesigen Stadtkörpern.
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Sie spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang alle Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten in sein Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er bändigen. Sie mußten laufen, wohin er wollte, mußten seine Steppe bewässern, daß Palmen und Brotbäume da wuchsen, mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt und weggespült hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen, die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt hatte er soviel Gold und Geschmeide aufgestapelt von seinen Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe Wagen, daß seine Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen Fulbe, die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen, zeigten, was dann geschah.
Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung saß und die Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht weglassen wollte, sie immer sehen mußte, um sich in seiner Macht zu spiegeln. Sie schilderten das Paradies dieses Mombuttilandes im Innern Afrikas, die sanft gewellten Talniederungen, deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten, die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen höheren Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den weiten Äckern. Der König aber, wulstiges schwarzbärtiges Gesicht, die großen Ohrmuscheln mitten von dicken blanken Kupferstäben durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und Papageienfedern schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten, Kupferringe, geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an den prallen flachliegenden Unterarmen, um die quellenden aderstrotzenden Waden; in der herabhängenden Rechten der sichelförmige ziselierte perlenbesetzte Säbel, – Mansu, der König, hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr aus seinem Palast. Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. Seine Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen. Es machte ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu köpfen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren und er sich zufrieden fühlte auf seinem Stuhl. Die Schmuckgehänge wurden dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne von Löwen, Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, Giraffenschwänze. Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur Tür die Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden Säbelklingen Hackmessern.
Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete und hing er auf seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und sein Tisch geworden war. Immer neue Schmucksachen ließ er sich um den Nacken an Riemen binden. An seinen Zähnen, jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden. Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen, an jede Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut der Oberarme und der Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte er sich durchziehen lassen für die Köpfe der Nachbarkönige, die seine Krieger erlegt hatten. Sein enger Thronsaal, festgezimmert, nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, wurde finster durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur eine kleine Gasse durfte man freilassen.
Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er gähnend erwachte und den Palmwein neben sich schluckte, sein Sichelschwert, schrie nach seinen Frauen. Es war noch Dämmerung draußen. Hinter den Bergen der Löwenzähne und Felle hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und die Weiber singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend, wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend, noch einmal. Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden Fliegenwedel, runde Büsche roter Papageienfedern. Hinter den Fellen tönte das Blasen und Singen weiter.
Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den engen Gang kam ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen. Er zog hinter sich einen Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke von den Babukern zu bringen, die ihm dienstbar wären, wie der große König wüßte. Und er holte von dem Wägelchen große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte er neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte ihn an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer seitlich nach dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig einen Klotz nach dem andern ablud. „Käse. Es sind Käse“ flüsterte er, „wir sind arme Leute, Ziegenhirten: die Massansa haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind nur Ziegenhirten. Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den Civettenfellen noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih“. Und wie der schweißtriefende König vor Gram halb betäubt ein Amulett an die Stirn drückte, verschwand der niedrige Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du mußt sie essen. Die Babuker sind dir treu.“