Part 31
Als die Stöße der Luft nachließen, die Wasser gurgelten und richtungslos pendelten, warfen die nach Süden vorgestoßenen Führerschiffe Flammen und Farbensignale über das Meer. Durch den Hagel der Steine, die schweren Schatten der Aschengüsse leuchteten die Zeichen. Vergeblich. Weiter in See sausend, ihre Schiffe suchend, die farbigen Rufe in aufhellender Luft wiederholend, sahen sie eine Gruppe von Schiffen sich ihnen von Süden her nähern. Sie wurden aufgeklärt von der Flottille, daß weiter westlich nur ein kleiner Haufen Schiffe zu sichten sei, schwer durch Blöcke verletzte Gefährte, die mit den Wellen kämpften. Die Führer gaben Weisung, mit ihnen in Fühlung zu bleiben, stürzten südwärts, entsetzt über die Verluste. Sandten Flieger vor sich. Die berichteten nach kurzem Suchen: eine ganze Abteilung Schiffe fahre in Kiellinie ihnen voraus, biege eben westsüdwestlich um. Eine zweite Meldung lautete: es sind unbeschädigte Schiffe des Geschwaders, Transporter und technische Schiffe. Mit Flammensignalen Sirenenrufen suchten Führer und Flieger das wildfahrende vordere Geschwader zu verständigen, daß es zu halten habe, um in Fühlung mit den Führern zu treten. Das Geschwader antwortete nicht, raste gejagt mit höchster Kraft vorwärts. Da warfen die Führerschiffe ihre geübtesten Flugzeuge aus, die nach wenigen Minuten das vordere Geschwader kreuzten, sich in laufender Fahrt auf Schiffe niederließen. Die Flieger, die Weisung hatten nach erfolgter Erkundung und Abgabe von Befehlen Bericht zu erstatten, kehrten nicht zurück. Die Schiffe wandten nicht. Das Tempo der Fahrt verringerte sich nicht. Ein Einzelflieger, ein Kapitän, von den bestürzten Führern bestimmt, ein Raketensignal zu geben, wenn ihm irgend etwas bei der abgesprengten Flotte rätselhaft oder verdächtig erschiene, gab eine lange Stunde nach seiner Ankunft kein Zeichen; dann brannte das Signal auf. Die Flotte vorn war auf der Flucht.
Die Führer versammelten sich auf De Barros’ Schiff. Der schwere De Barros erfuhr vom Zustand seines eigenen Geschwaders. Die Menschen, Männer und Frauen, vom Entsetzen betäubt. Sie standen herum, weinten, lagen apathisch, krochen in die Kabinen, zitterten sperrten die Münder auf. Eine kleine Anzahl war frisch, beriet sich überall flüsternd. Sie erklärten, als der Verdacht der Flucht der Südflotte bekannt wurde, sie gingen nicht davon; sie würden die Fliehenden zurückholen. Prouvas, still wie die anderen Führer, vernahm Wendungen wie nach dem Unglück in der Heraldsbucht und noch gesteigert: man werde die Arbeit verrichten, man ließe davon nicht los. Er hörte sie einen nach dem andern an; er prüfte sich selbst; ihre Worte kamen ihm übertrieben und nicht ganz richtig vor. Er zitterte nicht, fand sich gewillt nicht loszulassen, aber etwas war nicht ausgesprochen. Besser war der Satz eines der Männer: er ginge nicht von dem Feuer, er wolle zurück. Das war etwas. Ingrimmig bestimmte De Barros: die südliche Flotte wird nicht nach Europa entweichen. Man war weit in See, hatte die Rauch- und Aschenzone verlassen. Es war möglich über den östlichen Verbinderschiffen, dem Standort für Kontinentalmeldungen, sich mit dem Geschwader im Thistillfjord zu verständigen, beruhigende Aufklärung zu geben, zugleich um Hilfe beim Einfangen und Abriegeln des flüchtigen Geschwaders zu bitten. Wie man weiter vorwärtsstieß, lag vor ihnen eines der großen Transportschiffe der Flüchtigen, leck, im Begriff zu sinken. Der Kapitän dieses Fahrzeuges gab Zeichen: man solle sie nicht verfolgen; die Bemannung hätte selbst das Leck gebohrt. De Barros betrat das Schiff. Die Gebrochenen hatten die Oberhand. Die Menschen bewegten sich wie Betrunkene. Niemand weinte hier. Sie blickten von den neu Ankommenden weg oder stierten sie ausdruckslos an. Einige waren geneigt jeden, der sie fragte und berührte, anzufallen. Viele standen grinsend, manche gähnten. Es stank auf Deck und auf den Treppen: Überall lagen Haufen braunen und gelben frischen Menschenkots; die Menschen rochen nach Kot. Einige standen in Urintümpeln und hockten darin; aus ihren Hosen, über die Schuhe lief es. De Barros fragte, wer das Leck gemacht hätte. Der Kapitän schloß die Augen: „Ich. Mit anderen.“ „Warum?“ „Es ging nicht anders.“ De Barros trat näher an ihn: „Es ging nicht? Es geht. Sieh mich an.“ Der junge Mensch machte die Augen nicht auf. „Ich will, ich will nicht.“ De Barros wurde gedrängt ihn zu nehmen und zu umfassen: „Du willst doch.“ „Nein, ich will nicht. Ich ertrag nichts mehr. Nicht nochmal.“ „Wir ertragen es alle. Sag, ob du willst.“ Mit den Stumpfen fast Vertierten konnte De Barros nichts anfangen. Er mußte sich vorsehen, daß man ihn nicht niederschlug wie vorher seine Flieger. Er hielt den Kapitän am Arm: „Sie haben eins auf den Kopf gekriegt. Sie haben nichts ausgehalten. Sieh nicht hin.“ Der ging entsetzt mit ihm.
Das Gros der fliehenden Schiffe hatte inzwischen weiten Vorsprung und war im Begriff sich mit den Sprechstationen Skandinaviens und des Festlands in Verbindung zu setzen. Angriffsschiffe De Barros’ flogen hinter ihnen her. Die Angreifer warnten durch Zeichen: „Ergebt Euch!“ De Barros trieb die Angreifer in Wut vor. Neue Warnungszeichen. Und dann sahen die Todmüden Verwirrten auf den fliehenden Schiffen das ruhige Meer, das sie eben nach Frieden lechzend befuhren, sich gegen sie erheben. Es knatterte auf der Wasseroberfläche; der trübe Himmel erleuchtete sich hinter ihnen. Nach einer zuckenden Erhellung sahen sie, das Grauen der Vulkane noch im Blut, eine schwarze breite Wolkenmasse über dem Wasser begehrlich auf sich zu ringeln. Das Meer, eben ihre Zuflucht, war klirrend von De Barros aufgerührt; die Wolken auf das Meer heruntergebogen rasten schwarz und steinern, Schaum vor sich rollend an. Dieses Meer, das sie trug, schüttelte an ihnen. In der schweren Finsternis warfen sich die Flüchtlingsschiffe. Erduldeten das dröhnende kerzengrad in Strudeln um sie aufstehende Wasser. Durch die brausende Finsternis schlichen, Helligkeit um sich streuend, die Erkunderboote De Barros’. In einer knappen Stunde war das Geschwader besetzt. Scharen der Besatzung sprangen kopfüber in die See. Mehrere Schiffe sanken, bevor man sie erreichte.
Man wandte zurück nach Nordwesten. Das Winseln auf den gefesselten Schiffen. So brüllten die gebundenen widerspenstigen Menschen unter Deck, daß De Barros auf offener See halten ließ und mit einer Handvoll Männer und Frauen die tobsüchtigen Fahrzeuge betrat. Er mußte eine Anzahl erbitterter Menschen ins Meer stürzen lassen. Den Unterführern gab er Befehl, weiter Ordnung zu schaffen. In Haufen wurden die Weinenden und Verängstigten, zusammengebunden, auf zwei besondere Transporter geschleppt. Inmitten des Geschwaders fuhren die beiden Transporter unter weißen Fahnen.
In die Zone der glühenden tosenden Insel traten sie wieder ein. In steigender Erregung umfuhren sie die Ostküste Islands. Sie wußten, was sie beim letzten Angriff bezahlt hatten; sie wollten den Gewinn kennen. Schweigend begegneten sich an der Nordostküste die Hauptmassen beider Flotten. Keine Kenntnis nahmen die Zurückgebliebenen von den beiden weißbeflaggten beiseite in einen Fjord gesteuerten Schiffen. Und wie sie noch von Schiff zu Schiff Mitteilungen austauschten, wurde von der norwegischen Küste gemeldet, es seien einige hundert Lastflugzeuge mit Besatzung unterwegs; und darauf: eine neue Flotte verläßt eben die Häfen.
Das Festland hatte in den Stadtschaften mit Schmerz Zittern Verwirrung die alarmierenden Rufe der fliehenden Südflotte empfangen. Die Senate nahmen den Tod der Führer an. Einsilbige Meldungen der Nordflotte unter Kylin klärten sie dann auf; nichts als neues Menschen- und Sachmaterial wurde gefordert. Befreit und doch zögernd gaben sie es her. Man wußte nicht, was dort oben vorging. Großartige halberfundene Gerüchte von der isländischen Operation streuten sie aus. Von den Stadtflüchtigen ballten sich mehr und mehr in Erwartung in den Zentren. Die Senate selbst hatten das Gefühl, daß die Ereignisse im Norden trotz aller Verluste die Gerüchte noch übertrafen. Aber der zitternde Schrei des flüchtenden Islandgeschwaders lähmte sie, und tiefer erregte sie, wie die Führer und die Masse der Expedition sich jetzt verhalten würde. Heimlich hofften sie, sie würden mit fortgerissen werden, diese gefährlich Stillgewordenen würden weggeschwemmt werden. Da kamen die Rufe der unerschüttert weiter drängenden Nordflotte. Das neue Geschwader ging ab. Die Senate fingen an, auch schweigsam zu werden.
Bei der Nachricht von der Ankunft der neuen Schiffe gab De Barros Befehl, die beiden Weißflagger sich zu überlassen, jede Berührung mit ihnen zu vermeiden; und dann: er habe an diesen beiden Schiffen kein Interesse. Die Unterführer begriffen die Gefahr, die von den entgeisterten anklagenden wirren höhnenden Menschenrufen ausging. Sie entfernten die bewachende Mannschaft von den Fahrzeugen. Eines Nachts waren beide Schiffe im Thistillfjord verschwunden; man hörte nichts mehr von ihnen.
* * * * *
Turmalin hießen die Steingeschlechter, die der grobkörnige Granit in Gängen und Adern hielt. Magnesium nahmen sie auf, dann wurden sie braune Dravite; pechschwarz unter dem Eisen zu Schörlen; gelb blaßgrün waren sie Achroite, die Natrium in sich trugen. Sie lagerten im Albanygranitgebiet, in Neuhampshire, am Dach des englischen Dartmoor. Bor Kieselsäure und andere Urwesen hatten sich in ihnen angesiedelt und mit ihnen auf dem Erdboden niedergelassen und hingebreitet. Wenn Wasser Dämpfe Gase auf diese Geschöpfe eindrangen, verwandelten sie sich in hellen Glimmer, wucherten über Saphire weg. Man kannte die säuligen langgestreckten streifigen Glieder dieser Geschlechter, wie sie aus den Felsgängen kamen, gebogen geknickt spröde brechend, mit Pyramiden an den Enden ihrer Körper. Strahlenförmig hatten sie sich im Gestein versammelt; oft saßen sie lose eingesprengt neben den Familien der Topase und Quarze. Sie waren von eigentümlicher Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Die Wärme ließ sie elektrisch aufzittern; dies hatte man schon lange beobachtet; über die Enden ihrer Leiber dehnte sich die strahlende Spannung. Man war darauf gekommen, sich der Turmaline zu bedienen um Wärme, die lose verschwimmende flüchtige Kraft, in die strengere feste der Elektrizität zu drängen. In Texas Brasilien, auf den britischen Inseln hatten die Stadtschaften für die Grönlandexpedition Felsen abgetragen, Ganggranite sprengen, Turmalinlager aufstapeln lassen zur Verarbeitung bei dem belgischen Mons. Das zertrümmerte Gestein wurde gereinigt, die getrennten Bergarten geschmolzen, umkristallisiert. Man fertigte schleierartige Gebilde aus ihnen an. Die Völker der Turmaline hingen, Geschöpf neben Geschöpf, elastisch schwingend da aneinander, in schlanken Säulen; fremdes Mineral trennte Kristall von Kristall. Sie waren es, die das strahlende Feuer der Vulkane an sich saugen sollten, ihre Glut in den Fluß der Elektrizität verwandeln, den sie dann später wieder auf Grönland in lockerer Glut aushauchen sollten. Schleier auf Schleier des Gewebes wurde bei Mons gegossen. Die Lager der zertrümmerten Ganggranite verminderten sich. In die Hallen ungeheurer Schiffe wurden die elastischen scheckigen Kristallgespinste verfrachtet. Sie konnten jedes Feuer der Erdoberfläche fassen. In den Frachtern, die nach Island fuhren, hingen sie ausgespannt.
Eine gabelförmige Spalte teilte auf, was von Island übriggeblieben war. Sie zog von Süden zum Trölladyngja, legte sich nach Norden dem Skalfandar entlang, nach Osten parallel dem Kyarkjöll. Wo der Krabla und Leirhukr gestanden hatten, im Süden die achtkuppige Hekla, die entsetzliche Katla wogte ein Feuersee. Unregelmäßig schossen aus seitlichen Explosionsgräben Feuergarben. Die ganze zu Tag liegende Masse hob und senkte sich gleichmäßig; sie pulsierte, wogte dröhnend, den frischen Steinpanzer zerreißend, lavengischend, stieg rieselnd in die Erde zurück, schwarze Klüfte freilegend. Lichtweiße Dampfballen traten an die Oberfläche, die wie flüssiges Metall gelbrot gelbbraun schwer wallte. Mit den Dampfballen tanzten glühende Lavastücke auf dem See. Eine Weile trieben sie über dem verhüllten Spiegel, nach Süden und Norden. Dann während sie rechts und links zerflossen, ballten sie sich an einer Stelle, blieben stehen, wurden dichter höher, schwollen zu Bergumfang an; der ganze See erzitterte, der Boden der Insel schwankte. Der See erhob sich wie ausgebeult unter dem weißen Dampfberg. Tumultuarisch regte er sich, peitschenartig schlugen fliegende Steine aneinander. Zu ihrem hellen Getön trat Poltern, Rücken, orgeltiefes Murren. Mit einem Donnerlaut platzte die Dampfmasse auseinander, wurde über den See und die Berge der Insel getrieben. Lavamassen stürzten aus dem rüsselförmig aufgestürtzten See; in Säulen und Garben wurden sie hochgetrieben, fächerartig ausgedehnt. Das wogende Feuer sank, mit weißen Wölkchen spielend, wieder ein.
Die Geschwader beim Thistillfjord und südlichen Myrdalsjökull ankernd, die Frachtschiffe mit den Turmalinnetzen hinter sich, vermochten unter den Bombenauswürfen, den Gas- und Lavaexplosionen der glühenden See sich nicht seiner Oberfläche zu nähern. Man schickte von verschiedenen Seiten Fliegerflottillen gegen den See vor, die ihn erst ohne Last, dann mit ausgespanntem Turmalinschleier kreuzten. Von Rifstangi im Norden drangen Flottillen vor, aus der Vopnabucht von Osten in die Gegend des alten Herdubreid, dessen randliche Trümmermassen in das Feuer absickerten. Die Flieger hatten schreckliche Verluste; jedoch litt niemand zum Verzagen darunter. Zu jeder Tätigkeit drängten sich die Männer und Frauen; die Verluste waren schmerzlich, wurden aber fast begierig zur Kenntnis genommen. Alte und neue Islandfahrer waren in einem Gefühl zusammengeschweißt. Die Schleier, über der wühlenden Erde, dem aufberstenden und zurückfallenden See durch keine Pfeiler ausspannbar, mußten über die Oberfläche feuernah geschleift werden. Sie zerrissen, tauchten ein und schmolzen, stürzten mit den Fliegern ab. Dazu veränderten sich schon Seeteile in beängstigender Weise. Die Vulkane, erst erfüllte einheitliche Feuerbecken, zogen Schlackenmauern zwischen sich, häuften Wälle im See auf. Es schien als ob in der Tiefe Reste der alten Vulkane lagerten, die im Begriff waren ihre Leiber neu aufzubauen. Die Einbruchsfelder der Berge traten um den Myvatn in verschwommenen Linien schon wieder hervor. Unabsehbar weit ergossen sich die Lavaströme über das Land. Durch die Dämmerung des Tages quollen sie schwarzblau, die Nächte durchstrahlten sie weiß. Sie liefen sich in steinernen Säcken fest, die sie selbst um sich legten. Teile des alten Thistillgeschwaders rissen die Säcke auf, trieben Gase unter die Sackhaut, mit denen sich die glutende Lava freisprengte. Und wie die Ströme quollen, meilenbreite Bänder, über die sich neue schoben bis zur Höhe mehrerer Häuser, so daß der Boden im durchflossenen Gebiet sich anhob, versahen sich die Fliegergeschwader mit Böenbomben, die ihnen den Rücken gegen Aschen und Blöcke freimachen mußten, und mit Eis dunstenden Masken.
Sie zogen ein Netz von Pfeilern am Skalfandar entlang nach Süden, über den Hofsjökull, parallel dem verschütteten Tjörsarfluß nahe der gestürzten Hekla. Eine zweite Pfeilerreihe richteten sie am Gletscherwestabhang des Vatnamassivs auf, nach Norden über den Kyarkfjöll das Meer erreichend, wo es aus der Heraldsbucht den Lauf des alten Lagarflusses bedeckte. Eine dritte Pfeilerreihe lief im Halbkreis vom Axarfjord im Norden zur Gegend des Myvatn, am Dyngjafjöll, Herdubreid vorbei. Sie hatten den Feuersee mit den Pfeilern allseitig dicht umspannt. Es begann die fürchterliche todheischende Arbeit über der dampfenden immer wieder aufspringenden Masse, den kochenden See mit den Schleiern geschwaderweise zu überfliegen, die Schleier an den Pfeilern aufzuhängen. Blitzrasch mußte man vorgehen, besondere Augenblicke an jedem Ort abwarten bei dem Vorstoß von Westen zu den Pfeilern nach Osten, von der Myvatngegend zu den Pfeilern am Vatnanordabhang und am Kyarkfjöll. Häuserhoch schwebte der ausgespannte blinkende Kristallschleier über dem Magmasee. Darunter fuhren zu seinem Schutz, Böen um sich schleudernd, die Menschen der alten Nordflotte, sprengten erweichten die grauen rahmartigen Schalen, daß der weiß und gelb gleitende Strom zutage trat. Und schon zuckten von den Pfeilern die Gurte mit den Turmalinvölkern herunter, wie Möwen auf den Fisch, der an der durchsichtigen Oberfläche schwimmt, schnellten gedehnt geschwellt knisternd hoch, wurden seewärts von den Pfeilern abgezogen, schwebten auf kaltes Land und auf Schiffe, während schon neue Fluggeschwader sich zum Vorstoß anschickten. Aschen und Gase brunsteten aus dem Feuerabgrund, die weißen Wolken perlten auf ihm wie Schweißtropfen, zerflossen unter den Böen.
Jenseits der Pfeilerreihen, in Meeresnähe, hatte man Hallen zur Aufnahme der geladenen Turmaline erbaut. So groß war die Spannung der geladenen Schleier, daß die ersten abschwirrenden nicht gesicherten Flieger mit ihnen gelähmt ins Meer stürzten. Die Schleier sprühten auf dem nur minutenlangen Weg durch die Kälte einen Teil ihrer Spannung wieder aus. Man blies, wie sie die Feuerregion verließen, aus Drahtnetzen, auf denen sie beim Fliegen lagen, Hitze auf sie; die Netze verdampften bei der Berührung mit den geladenen Schleiern. Man mußte die Hallen sehr nah den Vulkanen legen. Dahinein rauschten die Kraft um sich streuenden Schleier. Klingen und Schwirren ging von ihnen aus. In eine trägflüssige zitronengelbe Masse wurden sie gestürzt, in die Riesenwannen der Hallen. Bis auf den Wannengrund war die Masse durchsichtig, sie opalisierte; apfelgroße Blasen stiegen langsam in ihr auf. Schwere wallende Schlieren legten sich wie Fäden eines Strickwerkes um den eingehängten Schleier. Er war, wie er das heiße dickölige Bad verließ, in allen Maschen graugelb umzogen, verglast. Sein Schwirren hatte aufgehört; man konnte ihn ruhig berühren, die klebrigen Anhängsel abstreichen.
In gleichen Abständen liefen inzwischen weiter die Frachtschiffe mit Turmalinen vom Kontinent herüber, befuhren das große atlantische Wasser. Eingehüllt wurden sie in das Sausen des Windes, Plätschern klang herauf, Murren aus der Ferne. Fuhren in der wolkendurchflatterten Luft, Sturmschwalben Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, Stoßtaucher neben sich. Das Meer fiel dreitausend Meter tief unter ihnen. Mit Fischen Algen Quallen Schleimtieren war es gefüllt. Es warf sich in Ebbe und Flut. In Glitzern und Scheinen schwebten die Schiffe.
* * * * *
Der Kontinent wünschte von den geladenen Schleiern zu haben. Brüssel und London waren gleichzeitig darauf gekommen. Sie waren auf der Suche nach neuen Machtmitteln, fürchteten, die Islandfahrer könnten sich selbst diese Schleier aneignen, die man nicht kannte, die aber gefährlich schienen. Sie schickten mit jedem neuen Schiff Vertrauensleute, die die geladenen Schleier zählten, über ihren Verbleib berichteten. Als der Kontinent Schleier für sich forderte, lehnten Kylin De Barros Wollaston Prouvas es ohne Erklärung ab. Die Senate, stärker beunruhigt, nach außen nichts von sich gebend, beauftragten darauf neue Führer, für sie Schleier zu beschaffen. Ein stark ausgerüstetes Geschwader erschien vor Island. De Barros verstand, es tagelang irrezuführen. Er drohte den neuen Führern. Die Islandflotte erhielt Kenntnis von den Vorgängen; sie stand auf Seiten Kylins und De Barros’. Heftige Schmähworte auf die Senate hörten die neuen ahnungslosen Männer; ungehemmt äußerten Führer und Besatzungen ihre Verachtung für die Senate, ja für die Stadtschaften selbst, so daß die Abgesandten verwirrt wurden und nicht faßten, wen sie vor sich hatten. Sie berichteten zurück; die Senate bedeuteten ihnen, sich um die Ladung der Schleier zu kümmern und dann Island zu verlassen, im übrigen Kylin und De Barros zu erkennen zu geben, daß man sie ohne Zufuhr lassen würde, wenn sie die Beschlüsse der Senate ignorierten. Erbittert gaben Kylin und De Barros nach. Spät erst dämmerte ihnen, die Stadtschaften könnten Furcht vor ihnen haben. Und sie staunten, und ihnen wurde klar, wie merkwürdig es dabei war, daß sie staunten. Vielleicht hatten die Senate doch Grund, sich vor ihnen zu fürchten. Nein, sie hatten keinen Grund sich zu fürchten. Wer waren, wie fremd, weit abgelegen waren diese Senate, diese Stadtschaften, die sie hergeschickt hatten.
Als Kylin an die Tür seines Zelthauses trat und durch die Rauchschwaden die ersten städtischen Flieger sich um die Pfeiler bemühen sah mit Schleiern und Böen, hatte er Tränen in den Augen. Beschmutzt kam sich das ganze alte Geschwader vor. Man beschleunigte die Arbeiten. Die beiden Flotten suchten keine Berührung zueinander. Gefahrvollen Böswilligkeiten wurden die städtischen ausgesetzt. Die alten Flotten hatten schon die ungeheuren Turmalinmassen in ihren Schiffen verstaut, deren sie bedurften, als sie noch untätig bei der brüllenden Insel hielten, die neuen beobachteten und sich zu einem Entschluß durchrangen. Sie zerstörten eines Tages alle Pfeiler, zerstörten die Hallen mit den Isoliereinrichtungen, vertrieben die neuen, jagten sie mit ihren Schiffen über das Meer. Die ließen sich auf keinen Kampf mit den erbitterten ein. In Kopenhagen Hamburg empfingen die Senate die Rückkehrerflotte mit scheinheiliger Gelassenheit. Sie dankten den Führern für ihre Mühe, lachten über die Klagen gegen De Barros, taten übermäßig beglückt durch die mitgebrachten schon geschickten Schleier. Sie ließen verbreiten, die abgesandten Unterführer hätten sich ungeschickt gegen Kylin und De Barros benommen, aber es sei gleich: man hätte die geheimnisvollen Schleier in der Hand. Ihre Kräfte würden jetzt studiert. Dies ließen sie bald auf Umwegen an die Islandflotte gelangen: man hätte durch einige Prozeduren eine merkwürdige Kraft aus dem beschickten Turmalin isoliert. In der Tat warfen sich angstvoll die Physiker und Techniker der Senate an die geladenen Kristallgewebe, ob etwas Bedrohliches in ihnen stecke.
Die Islandflotte aber nahm wenig Kenntnis von den Gerüchten des Kontinents. Nach der Halbinsel Rifstangi im Norden zogen sich um das dröhnende wolkenschleudernde Island die Schiffe aller Geschwader. Von Rifstangi über den schmierigen Svalbard waren die ersten Angriffe gegen die Insel auf Brücken vorgetragen worden. Alle Schiffe setzten kleine Scharen in Boote, die die Klippen umfuhren. Auf einem Schneefeld des aschebestreuten Svalbard wurde die Totenfeier für die Opfer der Angriffe abgehalten. Es geschah, daß nach den Worten Kylins, der gegen den Sandwirbel sich die braune Pelzmütze vor die Augen hielt, die zweitausend Menschen in den Schnee knieten. Sie griffen die Asche unter sich an, tasteten in den schmelzenden Schnee. Viele krampften die Hände beim Gedanken an die beiden traurigen grausigen Schiffe mit den weißen Flaggen. Sie träumten stumm. Kopfgesenkt, bei den Händen angefaßt ging man, langsam, zu den Booten herunter. Und langsam umfuhren die Schiffe ohne Verabredung die ganze Insel. Der Thistillfjord kam, in dem eine Flotte lange gelegen hatte, das Vorgebirge Langanes, der Vopnafjord, die Vulkane schütterten herüber, schwarze qualmgedrehte Riesenwirbel Spiralen, rot durchzuckt, von unten aufgeblafft. Da war die Sandbank, die sich nach Osten schob; man mußte sie umfahren; das Unglück in der Heraldsbucht hatte sie aufgeworfen. Die Insel trat wieder hervor; Buchten und Vorgebirge, der Eiskoloß des Vatna, strahlend breit aus dem Meer aufsteigend, die lohende menschenverlassene Südküste, kleine tote Inseln, die Ostküste und noch einmal der Rimarberg, der Myokarrjökull im Norden, die Bucht des verdampften Skalfandar, Rifstangi die Halbinsel, der Thistillfjord. Hinter Bergsätteln, langgezogenen Graten fuhren sie, der Wind trug nichts herüber, der Schall der Vulkane war gedämpft. Sie bogen oft aus, der Meeresboden schien sich zu heben und dampfte. Lavenstürze drängten sie vom Land ab. Sie näherten sich immer wieder der Insel, willig gespannt hingegeben.
Siebentes Buch.
Die Enteisung Grönlands
Sehr zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam kreuzten sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe abgründige Schollern füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als wenn eine Muschel auf ihren Ohren läge. Lagen auf dem Meer, das sie vor Monaten, endlos langen Monaten betreten hatten, von den Shetlandinseln her am sechzigsten Breitengrad. Das Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, breites hundertmeiliges Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden Tieren. Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das Mainland, die zackigen Inseln Yall, Samphyra, Uya, Umst verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die Sonne sahen sie wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, das weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von sich werfend, die in Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle, Gluthauch an Gluthauch, die Urwesen frei blühend, Helium Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen hin und her zwischen Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten Nordostwindes nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich, was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte Brücken über Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten sich der Städte. Wie sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte man sie hergeschickt. Das Meer floß unter ihnen. Gut, daß es da lief. Sie wollten nicht in die Städte. Wie merkwürdig alles durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken Apparate. In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft; Zimbo kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern nachgeben müssen; darum schickte man sie her, nach Island, Grönland. Was für Menschen waren da hinten. Nichts hören. Weiter Meer fahren. Grönland, nach Grönland.
Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden. Zwischen Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe fünftausend Meter tief ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die kaum dreihundert Meter unter dem Wasserspiegel verlief, der Thomsonrücken, trennte breit die Nordmeertiefe vom Atlantischen Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle auf Island. Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen Ostküste fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über das eisige Meer. Die warme tropische Golfstromdrift, die den Ozean hinter sich hatte, sandte ihr Wasser herüber auf Island, umkreiste die Insel, lief an der Südspitze Grönlands vorbei. Von Norden und Osten schwamm neben ihm, bedeckte ihn, mit Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der eisige Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie fuhren über die schweigenden Untiefen.