Part 3
Sie saßen Meilen weg vom Zentrum Mailands in einem unterirdischen kühlen Haus. Eine Marmorsäule stand auf dem Treppenpodest des gewölbeartigen ganz mit Rankenblumen bewachsenen und behangenen Zimmers. Die Marmorsäule leuchtete mattweiß sonnenartig gelb. Bald leuchteten nur die Augen im Kopf, bald silbern und golden der Schulterschal und die Hände, die ihn hielten. Während alles im Dunkel lag, überlief eine rosa Röte die Brüste; ihre Kugeln versendeten das Licht auf das weiche Kinn, das von unten angestrahlt wurde, auf den schalverhüllten gewölbten Leib, die bloßen im Dämmer tretenden Füße. Der über sich gebeugte tücherbedeckte weißhaarige Sanudo schlug seinen stummen Gästen, die auf bettartigen Lagern ruhten, vor, sich der Waffen zu bedienen, die man hätte, und freies Feld um sich zu machen. „Wir müssen es“ stöhnte er, „ich tu es nicht leicht.“ Man fragte nach der Art der Waffen, lag wieder dumpf da. Sanudo, gezwungen lächelnd stand auf, während er hinwarf: „man muß ihnen noch danken, daß sie uns die Zeit dazu lassen“, wankte zur Tür, um durch einen Griff an den Ranken ein leises Weben am Gewölbe herauf zu erregen, fern verschwebendes Kindersingen. Sanudo: „Es sind, wie ich weiß, noch Herren hier, die ihre Meinung zurückhalten und denen man vielleicht etwas Zeit lassen muß, sich zu äußern. Es wäre schade, wenn man sie schweigen ließe. Ich wüßte gern zum Beispiel, was Carceri verschweigt.“ Carceri grob lachend: „Was denkst du, mein Süßer?“ „Daß du lauerst und abwartest, was wir machen werden. Ich bin so gut mit im Spiel wie du. Du machst dir nichts aus mir und den andern, aber allein wirst du auch nicht stehen können.“ Carceri knurrte, mit beiden Armen sich von seinem Lager hochstemmend: „Ich mach mir nichts aus den andern. Machen sie sich etwas aus mir? Hab ich nicht vor Jahren gewarnt, als Schiff nach Schiff von Algier von Senegal von Tripolis kam und jedes warf wie eine Kloake diese Menschen über uns aus. Hab ich Euch nicht in diesem selben Raum gewarnt. Da kam dasselbe: im äußersten Fall haben wir Waffen! Davon weiß niemand! Die geheimen Geräte! Oh Eure geheimen geheimnisvollen Geräte. Ich weiß schon nicht, ob es unter den Bunthemden nicht Leute gibt, die noch andere haben; Gott schenkt sie ihnen im Schlaf, Ihr werdet Eure Entdeckungen machen.“ Sanudo schüttelte den Kopf; Michieli und Faskarini, zwei stolze schnauzbärtige Gesichter, richteten sich von den Lagern auf neben Carceri, warfen sich Blicke zu. „Wir sollten“ Sanudo streichelte resigniert seinen kranken Arm, „keine Schiffe mehr zulassen, vielleicht die Schiffe versenken? Du hattest sonderbare Pläne, von denen du nicht deutlich sprachst. Wir leben schließlich nicht im alten Mittelafrika. Wir haben es mit Menschen zu tun.“ Carceri sprang auf, die Arme hoch: „Da ist es! Wir haben es mit Menschen zu tun. Seid mir recht zahm. Caressiert sie, damit sie Euch Zucker aus der Hand fressen. Seht, nicht mal das tun sie. Wir füttern sie genug. Sie wollen mehr. Sie wollen uns gar nicht. Sie wollen einfach nichts, als uns weghaben. Nun tut ihnen doch den Gefallen. Sie sind Menschen. Man wird ihnen doch ihren Willen nicht nehmen. Und wir sind doch Klügere. Der Klügere gibt nach.“ „So gehts nicht weiter.“ Michieli, der kleine Schwarzbärtige, sprang auf: „Wohin soll das. Sprich was du meinst. Warum sollen wir nicht die Mittel anwenden, die wir haben.“ „Das sag ich ja auch“ der dicke prustende Mann mit dem verschwollenen Gesicht. „Das sagst du nicht. Du sagst, die Waffen seien lächerlich, sinnlos. Du willst nicht auf den Busch klopfen.“ „Das werde ich auch nicht. Den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ „Also“ Michieli brüllte vor ihm, die Hände fuchtelnd vor der Stirn, „was ist denn das für ein Hin und Her. Die Waffen, die du hast, wendest du nicht an. Die Mittel, die du hast, willst du anwenden. Was ist das für ein Unsinn, Carceri. Wir sind hier keine Kinder.“
Nach einem Schweigen, während er den springenden Schwarzbärtigen fixierte, hob der listige Carceri die breiten Schultern, seufzte offen apathisch, ließ sich seinen langen Mantel raffend auf sein Lager fallen, flüsterte mit Guistiniani. Die Säule strahlte sehr weiß, gab Tageslicht. Sanudo blickte zu Carceri hinüber: „Ich sehe, Carceri ist seiner alten Ansicht, dies und das hätte geschehen müssen. Einen Vorschlag, was jetzt geschehen soll, macht er nicht. Ich bin ein alter Mann, Carceri. Ich bin nicht aus europäischem Geschlecht wie du. Es ist noch nicht gar so weit her, einige Handvoll Jahrzehnte, da waren meine Väter Läufer Kameltreiber Dattelpflanzer Brunnensucher wie die draußen, die uns in der Hand haben. Mir würde es leichter sein, müßte es doch leichter sein, vor ihnen zu kapitulieren. Es wäre nicht einmal eine Kapitulation. Ich könnte mir den Weg zu ihnen leicht machen. Aber so geht es doch nicht. Etwas hab ich inzwischen gelernt. Es ist mir einiges ins Blut übergegangen. Ich bin entschlossen, ihnen nicht zu überlassen, was wir und die vor uns geschaffen haben. Und wenn ich sie zwischen den Fingern zerreiben müßte.“ Carceri widerwillig und scheinbar schlafsüchtig: er wolle nicht weiter diskutieren. Er hätte gesagt, was er sagen könnte. Guistiniani schwieg auf die Blicke, die ihm Carceri zuwarf. Carceri wollte ersichtlich mit den andern nicht mitmachen. Sanudo wurde aufgefordert, alle Zuverlässigen rasch mit den Waffen vertraut zu machen. Man wollte noch in der Nacht, die Verwirrung bei dem siegreichen Gesindel bringen werde, vorgehen. Sanudo beschwor den liegenden Ravano della Carceri sich an dem Werk zu beteiligen. Der lehnte stumm wie Guistiniani ab.
Sie benutzten, etwa zweihundert der Herrenschicht, in der Nacht die Freudenfeiern der Farbigen, die sich im Besitz von ganz Mailand befanden, zu einem Angriff. Erlebten, wie sie sich um den ausersehenen Zentralbezirk der Stadt gruppierten auf abseits liegenden Plätzen, hinter Büschen von Parkanlagen, einen vollkommenen Mißerfolg. Die Apparate, verschiedener Konstruktion und mit verschiedenen Angriffspunkten, Fernwirker und Durchdringer auf geradem oder durch Zwischenlenker zackigem Weg, versagten. Der Gleichgewichtszustand der unteren Luftschicht war gestört durch Farbige, die halb verspielt, halb furchtsam hinter allen Energieumformern und Umschaltern standen, sinnlos alle Apparate spielen ließen. Heimliche Versuche des nächsten Tages ergaben dasselbe Resultat; es kam hinzu, daß die transportabeln Waffen, sehr empfindlich, durch die intensive Sonnenstrahlung des Tages gehindert wurden. Sie sollten lautlos strichweise Häuserreihen lähmen und arbeiteten leer.
Damals gehörten in den südlichen Landschaften Europas die Frauen zu den aktivsten Elementen. Sie waren durch den furchtbaren Wirtschaftskampf der vorangegangenen Epochen, der ein Überangebot von Menschenmaterial vorfand, stark gezüchtet. Überall waren die Ehen und Untertänigkeitsverbände zwischen Mann und Weib zerstört worden durch den Zwang, der auf die Männer ausgeübt wurde, Frauen und Töchter in den Wirtschaftskampf herzugeben. Grausam scharfe Jahrzehnte waren gewesen, in denen man in allen Ländern der ineinandergeflochtenen Völker Messer auf Messer sich gegenüberstand, während gleichzeitig die Erfindungen und die Bewältigung der Naturkräfte beispiellos vorwärtstrieben. Als die Spannung nachließ, die großen Entdeckungen kamen, die Güter auf breite Massen überflossen, waren Männer und Frauen verändert. Die weißen Männer fanden zu den hemmungslos zuströmenden und herbeigerufenen Farbigen Afrikas einen Stamm weißer Wesen neben sich, der sie waren und nicht waren. Von denen sie nicht wußten, ob sie mit ihnen zu kämpfen oder sich zu verbinden hatten. Es geschah nichts von beiden. Die Frauen taten was sie mochten, und mit geringerem Sentiment als die Männer. Sie hatten zur Wut der weißen Männer keinen Sinn für die weißen, sondern mischten sich unter die Fremden. Die Männer verpönten die in den Tropen gewöhnliche Verbindung mit farbigen, aber die Frauen entwichen ihnen, taten im Lande, was die Männer in den Tropen getan hatten. Taten es kaum anderthalb Jahrhundert. Dann war die Gefahr der neu aufgekommenen Typen klar. Irgendwie mußte man sich, um nicht zu ertrinken, abschließen. Damals mischten sich nur gewöhnliche Frauen mit den zuströmenden Fremden. Die stärkeren, die Organisatorinnen, die mächtigen Herrinnen und Schöpferinnen von Riesenanlagen, die geschickten und waghalsigen weiblichen Experimentatoren, die kräftigen großen muskulösen Menschen mit den langen Schritten und den prüfenden harten Zügen bildeten unter sich die Vorstellung aus, eine überlegenere Rasse zu sein. Sie zogen sich dahin zurück, wo sie vor einem erneuten Sturz sicher waren; sie wurden die Avantgarde des Kampfes für die aufgeblühte, riesenhaft entfaltete und sich entfaltende Technik. Wenig Mutterliebe sahen sie; wenig Mutterliebe konnten sie geben.
Sie sprangen, als im Mailändischen die vernichtende Niederlage drohte, zuerst ein. Jene zögernden Bedenken, die von Männern, besonders den lahmen älteren geäußert wurden, Gleichgültigkeit gegen das Erliegen, kannten sie nicht. Sie hatten ein ungeheures Mißtrauen gegen die Fremden. Ein beinah nicht geringeres gegen die Männer ihrer Schicht und Volksart. Es war ihnen furchtbar, diesen Männern, gegen die sie als Gleichgestellte, aber doch als siegreiche Empörer öfter Haß, bisweilen Verachtung empfanden, Dinge zu überlassen, die für sie selbst verhängnisvoll werden konnten. In nicht wenigen Frauen stieg der schreckliche Gedanke auf, die Männer könnten sie aus Rache an die Fremden preisgeben und vermuteten, die Männer gäben nach, weil sie sich der Weibsherrschaft entziehen wollten, der Weibsherrschaft, die sie beschämt, noch immer im Herrengefühl, heraufkommen sahen. Die Frauen sprangen zu. Die Weiber, jetzt nicht im Besitz der tödlichen Angriffswaffen, gingen, wie sie waren, in den roten und blauen Togen, die vornehme Frauen trugen, an die Stätten, wo die lautlosen und doch tosenden Energiemassen erzeugt umgeformt weitergeleitet wurden, suchten, wie man sie vergnügt und hämisch an die feinen und gewaltigen Maschinen, die ihnen nicht mehr gehörten, heranließ, die Kundigen unter den Usurpatoren zu erstechen und zu erschießen. Das gelang in mehreren Fällen. Die Frauen wurden darauf an Ort und Stelle getötet; die Kraftstelle ruhte eine kurze Weile oder zerbrach; die Usurpatoren ließen es darauf ankommen, ließen keinen, dessen sie nicht sicher waren heran; der tiefe Argwohn, der den nomadisierenden Völkerstämmen innewohnte, wirkte sich aus. Darauf sich demütigend schickten die Frauen sehr junge verlockende Wesen ihrer Art zu Scheinverhandlungen zu den neuen Herren. Die Mädchen sollten bei Ablehnung aller Vorschläge zu den Farbigen übergehen, rasch die lüsternen Fremden gefügig machen, sie vor die Leitungen und Umformungen zu lassen. Die Herrinnen gaben ihnen den Spruch, mit dem sie ein halbes Geheimnis verrieten: die Frauen seien bereit den Siegern Dienst zu leisten, wenn die Fremden davon absähen sie zu knechten. Das Geschick Mailands, im Grunde ganz Südeuropas hing damals an einem Haar. Uneingestanden hatten die Frauen, die schon damals halb bundartig zusammenhingen, die Absicht, die Männer ihrer Farbe fallen zu lassen und sich der Fremden zu bedienen. Die jungen Wesen in Mailand gaben ihre gefährliche Halbwahrheit den braunen und bronzefarbigen Männern weiter, denen sie angenehm klang. Die abgesandten klugen Geschöpfe erlebten dann aber ein Schicksal, das sie in die grauste Zeit der weiblichen Vergangenheit zurückführte: nach Mißbrauch und Schändung vor vielen Männern und jauchzenden Weibern wurden sie alten Männern als Sklavinnen beigegeben.
Ravano della Carceri, Guistiniani, Sanudo verließen eine Woche nach dem Ausbruch die Mailänder Landschaft, kamen zu Fuß wandernd unter Gefahren nach Alessandria, von da fliegend nach Genua. Riefen Genua Marseille Bordeaux um Hilfe. Guistiniani flog nach London, an den Zentralsitz der westlichen Regierungsmacht. London erklärte, wie vorauszusehen, daß an ein zentrales Eingreifen erst zu denken sei, wenn zugestandenermaßen die örtlichen Schutzmaßnahmen versagten. Böse Blicke bekam der sehr still berichtende Guistiniani zu sehen. Die Londoner hatten gesagt, man sei offenbar unfähig im Mailändischen; ob man wieder zur Einrichtung von London bestellter Magistrate zurückkehren solle; ob man nicht wisse, was man riskiere nicht für sich allein, sondern für alle, wenn man wichtige Dinge den Gegnern und Unbotmäßigen überließe oder ausliefere; wie einen Giftschrank einem verrückten Apotheker, der einen halben Ort damit umbringt; oder wie früher ein Regiment, das nicht aufpaßt und seine Artillerie vor dem Feind stehen läßt. Rom Marseille Bordeaux, selbst noch frei aber schon bedroht erklärten sich bereit zur Hilfe, verlangten aber zugleich Sicherung vor der Wiederkehr solcher Unfälle im eigenen Interesse. In Rom erregte der zurückgekehrte Guistiniani mit seinem Bericht aus London Aufsehen; der Tadel erschien berechtigt und machte wütend auf Mailand wie auf London. Rom, durch Mailand stark gefährdet, ebenso Genua und Bordeaux verlangten Kontrolle Mailands und seiner Adnexe. Die Mailänder Deputation mußte das zugeben und unterschreiben; sie wurde nur anerkannt als Stadtvertretung unter diesem Vorbehalt. Im übrigen gab es, was Mailand anlangte, angesichts der Kraftquellen, die die Revoltierenden in der Hand hatten, keine Möglichkeit als die Vernichtung des größten und wichtigsten Teils der Stadtschaft. Sie erfolgte nach weiteren vier Tagen, im ganzen zwanzig Tage nach dem Ausbruch der Revolte. Die verbrannte erstickte Stadt wurde ihren Herren wieder übergeben.
Der schwer leidende vergrämte Sanudo spielte im neuen Mailand dann keine Rolle mehr. Ein Kontrolleur, Emissär Londons, wurde neben den Senat Mailands gestellt. Carceris Augenblick war gekommen. Er suchte die Oberhand in Mailand zu gewinnen, stieß auf den Widerstand der Frauen, die ihm die Zähne zeigten. Der junge Guistiniani unterstützte erst den bärenhaften Carceri, der offen zugab, daß er die Sache auf die Spitze getrieben habe und nun zeigen werde, wie zu verfahren sei. Diese Zynismen machten ihn bei vielen Männern, durchaus bei allen Frauen unmöglich, die im ganzen enttäuscht, sich vor seiner Tücke und Gewalttätigkeit fürchteten. Ravano della Carceri hatte auf die folgende Entwicklung von Südeuropa nur kurze Zeit Einfluß; er geriet in Streit mit Guistiniani, der sich ihm nicht fügen wollte. Ein Mordanschlag Carceris auf Guistiniani, auf den er plötzlich seinen ganzen Groll richtete, mißlang. Am Tage darauf erlag Carceri den Verletzungen, die er beim Einsturz seines Hauses erlitt; die Sprengung hatten Frauen vorgenommen. Schneidig und kühn stellte Guistiniani, ein stählerner gelbblasser Mann, die Verdächtigen vor Gericht. Seine Hand, die die südlichen Stadtschaften nun zwei Jahrzehnte spürten, war nicht weniger hart als die seines erschlagenen Freundes Carceri, um dessen eingefallenes Haus er ein Gitter zog und das nicht berührt werden durfte. Er schlug den Ansturm der Frauen zurück, hielt sie lange im Zaum. Bis er verzweifelnd, in seiner Vereinsamung durchschauert sich zurückzog wie Hunderte seiner Zeit, nach den lockenden Abfallstätten Europas und Amerikas, an die Mittelmeer- und atlantischen Küsten. Es war die Zeit der Frauenbünde, der übermütigen unwiderstehlichen Verbände, der hinsterbenden Mannesgewalt. Die Wut der Frauen verfolgte Guistiniani nach Trabulus an der Großen Syrte.
* * * * *
Der Fall Mailands im Beginn des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts löste zuerst in Rom, dann in den angeschlossenen Zentren Südeuropas eine Bewegung aus zur Verschärfung der Bestimmungen für die Verbreitung von Herrschaftsmitteln und Kenntnissen, die die Bildung von sehr kleinen Herrenklassen und einer riesigen beherrschten Schicht nach sich zog. Die Leichen der hunderttausend Farbigen und Mischlinge in der Poebene waren noch nicht in der stummen Erde verwest, da begegneten sich vor der brausenden Nordsee bei Dünkirchen die Männer und Frauen der Länder und Stadtschaften, die London hergefordert hatte. Heimlich kamen sie an der stürmischen herbstkalten Küste zusammen. London wußte, was es vorhatte, die Delegationen wußten es auch bald. Herumgehend in den Spielhäusern, bei Segelfahrten, in Dünenwanderungen, Lagerungen in Picknickzelten kamen sie zu den Resultaten, die sie nicht den Ferntönern anvertrauten. Alle waren in kurzer Zeit von dem furchtbaren Ernst ergriffen, den die Haltung Londons und Neuyorks ausströmte. London pessimistisch wie immer, sah das Ende der westlichen Welt voraus.
Die Männer und Frauen dieser Regierung, die sich hier fordernd bewegten, trugen die Zeichen einer sehr westlichen Einwanderung. Nord- und südamerikanische Indianerstämme hatten sich im vorletzten Jahrhundert bei dem rapiden Nachlaß der weißen Fruchtbarkeit über Kanada und Brasilien ausgedehnt. Als arbeitende Hilfsvölker traten sie vornehmlich bei der angelsächsischen Durchdringung Südamerikas in die Dienste Londons, wogten dann zum Teil nach dem westlichen europäischen Kontinent, zum Teil nach Schottland. Eigentümliche dünne schwarze Bärte, nach vorn stehende runde Backenknochen sahen die südlichen Europäer bei den Herren aus London, straffe Gestalten, die einen trüben schwarzen Blick warfen und an Menschen, mit denen sie redeten, vorbeisahen. Sie sprachen mit sanften hohen Stimmen, ihre Sprache spanisch verwelscht. Sie gaben, die die Erben der Weltbeherrscher waren, zu erkennen, daß sie nicht beabsichtigten, die Fähigkeit der Nationen und Landschaften durchzuprüfen; verlangten Aufschluß darüber, was man getan hätte, um seine Nachbarn und das Reich nicht zu schädigen. Als im Laufe der Besprechungen am Dünkircher Strand Guistiniani auftauchte, kam es zu der heftigsten Auseinandersetzung zwischen ihm und der Londoner Gruppe. Wie Mailand und die südlichen Städte, die eben erst gerettet seien, es wagen könnten, einen Mann wie diesen aus den unfähigsten Kreisen Mailands herzuschicken. Guistiniani hielt sie mit scharfen Worten nieder. Sie erkannten seine Gefährlichkeit, lernten den Mann bald genauer kennen. Die Londoner Herren gaben ihren weiblichen Kameraden nicht nach, die von Mailänder Freundinnen angestachelt, die Beseitigung des geschmeidigen und eisigen Mannes verlangten. Der Mensch aber war es selbst, der hier Carceris Plan der Sklaverei vortrug. Der Plan war unwiderstehlich. Er schlug bei London augenblicklich ein. Die Kommissionen machten sich den Plan rasch zueigen.
Die Dünkircher Begegnung, für das Geschick des westlichen Völkerkreises von entscheidender Bedeutung, endete nach zwei Wochen mit dem Anspruch der erschienenen Kommissare an ihre Regierungen Senate und tatsächlichen Machthaber, die vorhandene Zivilisation mit allen erdenklichen Mitteln und um jeden Preis zu verteidigen. Sie stellten die Gefährlichkeit des Erliegens irgendeiner örtlichen Machtgruppe, sei sie Nation oder Stadtschaft, fest. Folgerten daraus das Recht der Nachbarstaaten und weiter der London-Neuyorker Zentralgewalt, die überall bereitgestellten Verteidigungsmittel und Maßnahmen nachzuprüfen. Die Londoner langbärtigen Herren erklärten, im Interesse der Gesamtheit gezwungen zu sein, zu der aufgegebenen Einrichtung der örtlichen Kommission und Beobachtungsposten zurückzukehren. Die einzelnen Machtgruppen möchten dies nicht auffassen als ein Bestreben Londons seine Gewalt zu erweitern, sondern als Sicherheitsmaßnahme im Interesse aller. Man hatte damit das, was man in langen Jahrzehnten, ja in mehr als einem Jahrhundert abgeschüttelt hatte, wieder. Man konnte nicht widersprechen, denn der schwere Ernst Englands schien berechtigt; eine Möglichkeit der Durchführung der kommenden Maßnahmen ohne Zusammenschluß war nicht gegeben.
Von Dünkirchen strömte auf Europa Afrika Amerika der Geist der Helotenwirtschaft. Die Delegationen und Senate hatten sich verpflichtet in ihren Ländern Staaten Stadtschaften Wissenschaft Technik und alle denklichen konkreten Kenntnisse abzuriegeln. Die Vernachlässigung dieser Verpflichtung war mit dem Verlust der Selbständigkeit für das Staatswesen verbunden. In allen Zentren galt es nach Dünkirchen geheimste Pläne auszuarbeiten zur Feststellung der wichtigsten Dinge, betreffend Krafterzeugung Lebensmittel Beförderung Angriffs- und Abwehrwaffen, Feststellung der nötigen Zahl von Personen an den arbeitenden und ausführenden Stellen und an den zusammenfassenden. Unter Verzicht auf allzu stürmischen Fortschritt, ja bei voller Klarheit über eine mögliche Stagnation wurde die Zahl der Personen gefunden, ihre Herkunft war auf einen Kreis beschränkt. Die Senate bezeichneten die zuverlässigen Familien. Überall waren Machthaber ihnen zu entnehmen. Bei der Strenge des anfänglichen Vorgehens taten sich in den meisten Staatskörpern sehr kleine Gruppen zusammen, die in Fühlung mit den Londoner Beobachtungsposten eine Art Wohlfahrtsausschuß bildeten und dauernd das öffentliche Leben und die herrschenden Familien kontrollierten.
Dies alles geschah geheim und niemand im Volk bemerkte sogleich etwas. Man übte in der Tat nur gesteigert streng die alte Methode. Den Fragenden wurde die mit Beispielen zu belegende Gefährlichkeit der Situation vorgehalten. Aufdrängende wurden hingehalten abgeschoben. London Berlin Paris Mailand Marseille Neuyork sah einen neuen Adel, der sich um die furchtbaren technischen Einrichtungen gruppierte.
Diese Männer und Frauen waren die eigentlichen Machthaber der westlichen Erde, waren mißtrauisch unter sich, immer gejagt, Vergnügungen verachtend, durchweg einsam. Keiner von ihnen ging ohne die leichten Waffen, die sie nur für sich reservierten. Sie erschienen überall überraschend. Der Wohlfahrtsausschuß der Einzelstaaten, die Beobachter, waren wie sie ausgestattet, mit Lampen, deren Licht durch einen Spiegel- und Blendmechanismus so reflektiert wurde, daß die Menschen faktisch unsichtbar waren. Sie waren wie eine Wand, die man mit Spiegeln bekleidet; man glaubte in sie hineingehen zu können. So konnten sie scheinbar durchsichtig auf offenen Straßen, oft auch in Häusern sich bewegen. Sie ritten fuhren flogen ungesehen. In den Massen ging das Gerücht von ihnen. Denn sie beseitigten ungewünschte oder gefährliche Personen, die eine Zusammenkunft verließen, ebenso wunderbar wie sie selbst erschienen. Die Toten waren nicht auffindbar, wie man die Lebenden auf ihrem Wege nicht hatte verschwinden sehen. Es trat vielleicht ein Mann, ein junges Weib an einen Baum, ging um eine Häuserecke, bückte sich, faßte sich an die Brust, griff nach seinem Rücken, machte einige sonderbare Bewegungen, als ob etwas juckte oder kniffe, und war weg. Nichts war an der Stelle, als ein stärkeres Blitzen des Sonnenlichts, ein Staub wie von einem Windstoß. Öfter wurden ähnliche Vorgänge beobachtet, man munkelte davon, Gerichte befaßten sich damit, Aufklärung erfolgte nie, da die Verschwundenen nie gefunden wurden. Die Klagesteller hatten schon Recht mit ihrer Behauptung, die Verschwundenen seien beseitigt oder gut verborgen worden. Sie wurden noch in dem Spiegelkleid, das über sie geworfen war und in dessen Mantel sie neben dem Entführer und der Entführerin gingen, gezerrt und rasch gelähmt, an die geheimen Stellen der Laboratorien getragen, wo sie nicht einmal den Blitz sahen, der aus der Wand, an die man sie mit dem irr lächelnden Gesicht lehnte, fuhr. Zusammensinkend, weiche Massen, lohten sie auf dem sprühenden Boden. Dessen Funken nicht aufhörten, bis weiße Asche wie Flugsand auf ihm tanzte.
Früh sahen die Machthaber die Gefährlichkeit ihrer Waffen für sich selbst ein. Suchten über das Mißtrauen, das sie gegeneinander hegten, hinwegzukommen. Niemand konnte wissen, wohin den einen Eifersucht plötzlicher Zorn Erbitterung treiben konnte. Man sah sich und den andern seinen Trieben wehrlos ausgesetzt wie einen Träumer seinen Einfällen. Wie sie oft finster vor Wäldern standen, auf einem Balkon die hellbestrahlten Wipfel der Bäume betrachteten; diese tiefgrünen Nadelhölzer, die in riesige schweigsame Höhe ihre gelbbraunen Zapfen streckten, ruhig hinwuchsen: und der Mensch in sich wühlt, bewegt sich, wühlt.
Furchtbar wurden Annäherungsversuche unter ihnen erschwert durch das Zusammendrängen der Frauen zueinander, durch den nicht nachlassenden Kampf der Frauen um die Vorherrschaft. Die Männer der Staatskörper, die Überwachungsausschüsse konnten sich nicht verhehlen, daß sie ihres Lebens nicht sicher waren. Es war nicht ruchbar geworden, was die Mailänder Frauen bei der großen Farbigenrevolte den Fremden vorgeschlagen hatten; es war aber klar, daß überall verräterische Gedanken bei den Weibern umliefen. Keine Möglichkeit bestand, die Frauen aus den Senaten auszuschließen, ja die Männer dachten nicht daran. Kraftvoll sicher zäh waren die Frauen, ihre Stärke ihr Wille Geist waren unentbehrlich. Bei zahllosen Männern dieser Periode bestand schon voll die Neigung vor den Weibern den Rückzug anzutreten. Aus den mächtigsten Familien zogen sich Männer von Ämtern und wichtigen Dienststellen zurück, um nicht mit Frauen zusammenzustoßen. Die Überwachungsausschüsse waren der gefährlichste Ort; hier durfte man einer Auseinandersetzung nicht ausweichen. Man machte offen einen Burgfrieden. Im geheimen blieben beide Parteien auf der Hut, sannen darauf sich Waffen zu reservieren.
Das drei- und vierundzwanzigste Jahrhundert brachte die große Veränderung Afrikas: den ostwestlichen breiten Durchstich der Küste südlich der Kanarischen Inseln in der Linie Cap Blanco und Bojador, die Wasserüberflutung der tiefliegenden Wüsten von Igidi Tamesruft Afelele bis zum Westrand des Tümmogebirges. Der schwere afrikanische Kontinent wurde aufgelockert und getrennt durch das Saharische Meer.
Schon waren die Weltmächte auf zwei reduziert, die Londoner und die indisch-japanisch-chinesische. Die Stadtschaften waren Wesen geworden, durch die die Sonne scheint; an dem Boden liegt das Licht überall um sie, aber sie haben nicht aufgehört zu sein. Wie die Stadtschaften sich ausdehnten, erhöhte sich überall der nationale Glanz. Prunkhaft erhöhte er sich unter dem abgestorbenen absterbenden politischen Leben. Die Mächte der Landschaften und Staatskörper wandten überall dieselbe Methode an, zu der sie getrieben wurden durch den Drang sich zu behaupten und die Apparate, um die sie sich gruppierten: die Methode des Erregens Sättigens Mästens Überfütterns. Die Fette nach der Kastration, die Gespreiztheit Sanftmut Huld und Süße der Eunuchen stellte sich ein, der fratzenhafte ohnmächtige Impuls. Man schonte die Eigenliebe der Massen. Die Überwachungsausschüsse gingen geheimnisvoll durch die Völker, aber schon aßen die strengen herrscherischen Familien selbst von dem Gift, das sie auslegten. Die Fülle der Erfindungen ließ nach, man lebte vom Überkommenen, ordnete unter sich zukommende Rechte Aufgaben. Und am raschesten entarteten die Frauen. Gigantische Figuren gab es um diese Zeit unter ihnen, großartig in Wollust und Herrschsucht. Was früher in phantastischer Weise aufkommende Negerschläge leisteten, wurde jetzt ihr Werk: Staaten der willigen kapaunenhaften Menschen zusammenschließen, rasch und hitzig sie aufbauen, sich in Glorie wiegen, um früher oder später von einer Kleinigkeit, etwas Übersehenem sehr Sichtbarem, von einem Nachbarstaat oder von London beseitigt zu werden.
* * * * *