Part 15
In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit und Süße, wie er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das Mädchen, das er verfolgt hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt. Durch Hamburg Frankfurt Genf, die südlichen Stadtlandschaften fuhr er. Die erregtere Luft. Die heftigen ungebundenen umeinander wallenden Menschen. Spöttisch hörte er überall die tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde er nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an, wo das junge zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er keinen Sinn mehr für die Dinge der Stadt. Er war nach einem Monat, als er am Mainufer mit ihr saß, erschüttert von dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm lagen, von dem Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken hat er mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der sommerlichen Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina, kommt es wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen werden, in ein anderes Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis an das Frühere behalten? So geht es mir.“ „Aber du vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint mir ganz unglaubhaft, was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist wunderschön hier. Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen wie die, die ich erlebt habe! Wie können Menschen sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, nichts mehr davon. Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm umging. Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst du nur von ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge erzählen. Ich werde dir erzählen – von der armen dummen Elina, die einmal auf einer Steintreppe saß und an einen Hund dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist ja alles vorbei. Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch drin, in der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte etwas von mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den Schoß legte, lachte herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf der Wiese.“ „Wie heißt das Märchen?“ „Ich weiß noch nicht. Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. Es war nicht wie mit dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel besser. Warum siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ „Nun? Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr besinnen, wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer Kirche am Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas Luftartiges von ihr. Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und wer fromm ist, geht drauf zu, wo der Klang herkommt. Und selbst wenn man in der Kirche sitzt, sieht man die Glocke nicht, die läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, daß es die Glocke ist, die läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; ich sitze auf der Wiese am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das bist du.“
Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre Hände weg: „Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin. Brauchst dich doch nicht um mich kümmern. Bimmele dir etwas vor, und du sagst: es bimmelt und bist zufrieden.“ „Eben.“ „So kann ich sagen was ich will? Auch nichts sagen? Vielleicht auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren und bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes Haar auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe jedes Haar, jede Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser als der Gott, denn sie sind mein. Und deine Nase und dein Mund und deine Füße in roten Strümpfen und dein Kleid: das bist alles du und ich brauch gar nicht drüber nachdenken.“
„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach tu es nicht.“ „Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir mit zwei drei Worten ganz genau beschreiben. So genau, daß jeder gleich weiß, wer es ist und sagt, das bist du.“ „So sag.“ „Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist meine Freude. Mein trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger mein Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines Kissen. Meine zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich kann dich streicheln und du gehörst zu meiner Haut zu meiner Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn meine Brust. Du alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er lächelte, während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen nachzog und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen auf“, rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge, Elina. Ich dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als die Leute auf mich losgingen, weil sie Marduks Freund nicht wollten. Da hast du den Schlüssel verloren und mußtest mir zum Fenster hinaushelfen. Ich bin statt auf deine Schulter zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen Arm.“ „Der wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht ich mir; Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die mich schon eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst nicht.“ „Ich hab die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich freute mich, wie ich dich weinen und betteln hörte draußen. Kein Wort hab ich gesagt. Mit dem Gesicht lag ich an dem Türholz. Eingesperrt war ich, aber frei. Freier Jonathan. Nach einigen Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen wieder auf.“
Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage, in einem künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel brauchten. Das Haus oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern, die man an einem Gestell befestigte, das nicht dicker als ein Streichholz war. Das Gestell war aus leichtestem starken Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus ihren Tornistern das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde angeschraubt und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und Decken wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder durchsichtig, konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen wurde wie ein Schiff verankert. Und überall in schönen Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten und Zeichen, die die nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben werden aus polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen Bankerhöhungen.
Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper mit Freuden ein Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte. Sie hatte es unbemerkt vor Jonathan gekauft. Es war in der Stadtschaft als ein zauberhafter feiner Stoff von den Frauen geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff war es, vom Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren Atmung es gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden. Eine Haut unter der ersten erschien, dichter enger an der menschlichen Haut, der sie auflag, über der sie kaum ablösbar hing. Die obere Haut trocknete ein, stäubte ab. Weiß war die Farbe des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat unter dem Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel war, weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die Moosstoffe, aus botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam zu pflegen.
Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina war heißer und fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier viel schöner. Du brauchst längere Zeit, um alles zu vergessen.“ „Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was forderst du von mir;“ sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise nicht mit dir gemacht.“ Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr Euch nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk weiß noch, was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen. Von uns fordert er Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich mag nicht nach Berlin.“ Sie trug über dem fremdartigen Hemd ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen schlanken Arme war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter freigab, bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst du für eine Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich wurde ihr Hals rot. „Es ist mein Hemd. Du hast es noch nicht gesehen. Ich habe es in der Stadt gekauft.“ „Ein grünes Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es nicht.“ „Jetzt ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter an. Als wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es gar nicht. Es wächst fast an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch, ihre Brust lächelnd entblößend. Er ging still herum. Am Abend wurde er heftiger und sie gab nach. Sie dachte an nichts, freute sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. Ich soll hier weg. Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, „ich bitte dich, ich flehe, komm weg.“
Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin geflogen waren, in seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange ab, küßte die Spange, legte sie an seine Wange, band sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, die Strümpfe zog er herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien mit den Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von oben zu. Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich vor Lust an den Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie sprang davon. Lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und als er „Elina“ rief, sang sie unter der Decke: „Ich höre nichts. Leg dich schlafen.“ Sie trällerte „Jonathan“, als er sich neben sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. Seine Hand lag auf ihrem Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist das Hemd.“ „Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“ „Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du so lustig?“ „Weil ich’s sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“ Sein Arm zog sich zurück, traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“ Und wie seine Stimme verklungen war, horchte sie, ob er noch etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie tastete mit ihrer Hand nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über sein Gesicht, fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er haben mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte er ihren Kopf an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund. Und als sie ihre Wonne ausgeatmet hatten und ihre Rücken zurücksanken, streichelte Elina sein warmes Gesicht. Ihre kleinen Finger biß er; sie summte: „Möchtest du mein Hemd sehen.“ „Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. Du bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es ist schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“ „Ich will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt, tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“ Es flammte schon weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da. Du kannst es sehen.“ Sie saß auf der Bettkante, drehte den Kopf nach ihm. Die braunen Haare hingen dicht von ihr herab. Um Brust Leib Schultern schlang es sich. Als wenn es naß oder aus zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es an den Flanken; an manchen Partien des Rückens und der Brust war es stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich unter einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte sie: „Ich will es ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr vorsichtig rollte sie sich das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte sich, als wenn es eine Gummihaut wäre. An den Hals rollte sie es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten Arm, den linken Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich Achselhaare ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich heraus. Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“ Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er. „Bitte, lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde liegen, keine Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich gern, so laß es liegen.“ „Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh einmal, Elina.“ Sie war so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem Gesicht. Er liebte sie plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten ihr den Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte er sie, während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er drückte sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie glücklich war, als sie das raschelnde Gewebe, das leicht wie ein Blatt war, in den Händen hielt, es gleich an ihre Brüste drückte, es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten Augen blickte sie Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar schattenhaft hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut überrollte; unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte sie sich, atmete aus: „Ich bin froh.“
In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr leichten Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang vom Boden aber rastlos auf und ab, von selbst, es war ein unsäglich mühsames Begehren. Der Ball ging springend vor ihm weg, einem Fenster zu, das sehr helles Licht warf. Der Ball war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur noch an der Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen lautlosen Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz schlug wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein vor seine Augen, stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die Decke schob er zurück. Elina stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie griff um sich. Jonathan drückte auf den Lichtknopf. Ihre flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf. Sie verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was willst du tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich will dir zu trinken holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ „Ich bleibe.“ „Mir fehlt nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei mir.“ Ihre zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein Hemd nimmst, lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja nicht.“ „Du schwörst es mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“ „Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen aufeinander. Er weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster.
Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus ihren Träumen: wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden; sie fürchtete sich zu sterben. Das Hemd senkte seine feinsten Sprossen in ihre Haut, wieder schilferte eine Lage, bläulich schimmerte die neue. Während sie in tiefem dauerndem Schlaf lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre Schulter und Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger.
Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren glatt, schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie umhalste, so fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt. An seiner Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht an ihn, die Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem Schlaf erwachte, öffnete sie die Augen, lachte, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, ließ ihn stehen.
* * * * *
Spöttisch durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft. Sie fuhren auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen. Die Gefährte hatten unter ihren Sitzkästen stengelartig lange Beine, die spiralig mit Metall umwickelt waren. Sanft knickten und schnurrten diese Beine bei der Berührung mit dem Boden ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend aufzuschwirren und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die Gefährte, weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit einem starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten vorn zwei wenig nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische Streben, wie Tastorgane, um einen Anprall abzuschwächen. Elina und Jonathan unter bunten Tüchern tänzelten in ihrem Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu senken, um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der Apparat wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu sehen. Sie machten einen Sprung, sich drehend, zurück; die Bremse schlug an; hart setzten sie an der Stelle des Schreis auf. Da schleppte ein Mann eine Frau an den Bach. Sie trugen beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich bewegten, unterschieden sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem Gestell; Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er die Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt.
Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über dem weißen Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde spritzte da rotes helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über dem Uferabfall, gelbweiß ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit einem grünen Tuchfetzen. Er murmelte, wie Jonathan neben ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll ich tun.“ Jonathan stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch nicht gesehen. Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja, Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid, drückte ihre Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das hilft.“ Blut überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und Schauer die Lippen ein. Mit starren Mienen lag sie da. Als die Äste unter dem Wind knackten, drehte sie den Kopf: „Sieh zu, Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte an ihren Röcken, die über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile hob sie sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe und Stirn trugen Spritzer.
Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in den Apparat. Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein. Der Mann trat zurück; der Apparat streckte die Beine, zog sie an, streckte sie, schwirrte mit hohem Metallgesang auf. Zierlich schwebte er in Manneshöhe über dem Bach, wendete in einem Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den Häusern der großen Stadt zu.
Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach gewaschen, gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand schöpfte sie Wasser, das sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen wollte, goß es gegen die Brust. Sie strich zu dem grünen Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier nicht erwarten. Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie es der Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen Sie etwas?“ Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde noch hier bleiben. Wenn der Herr wiederkommt, werde ich hören, was sie macht.“ „Sie wollen also warten.“ An einem Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie zweifelte nicht, als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte am Wasser und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie schlenderte seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der heimlich zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher. „Mein Fleisch, mein Blut“ zitterte es in ihr, mit einem verborgenen stachelnden Entzücken. Ein fürchterlicher Haßblick aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein grünes blutgesprenkeltes Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig und breit trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm: „Laufen Sie doch nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich, ging langsamer. Sie trieben durch das Buchenholz. Der Boden war braun. Und wie Elina den Mann suchte zwischen den Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging ein Mann, ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht gesehen. Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen vorbeilaufen, da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins Gesicht gezogen wie der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie das vergrämte stumme Gesicht sah. Das war der grüne. Sie hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. Der kurze stämmige Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er sich entfernte, erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken. Ich glaubte, Sie hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte ihr seine Augen zu: „Ja. Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen. Blieb stehen, sah an sich herunter. Er hob die Fäuste vor die Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie mich. Was für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße Lorenz. Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie haben mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen mich halten?“ „Ich sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein, Lorenz. Aber ich trage auch etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an. „Sie glauben, man müsse ein farbiges Kleid tragen, um ein Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. Dicht neben Marduk. Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie zog, dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter schon wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie mich angreifen?“ Er griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie, das Staunen hatte sein Gesicht geöffnet, langsam brachte er heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. Heißen Sie wirklich Elina. Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann sind Sie hier. Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht. Ich bin froh, ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“