Part 19
Und sofort benachrichtigte Zimbo den von Magdeburg anrückenden Angelelli, daß er die Aufrührerbande der Castel entwaffnet und gefangengenommen habe. Die Castel und drei Unterführerinnen schickte er mit einer sehr kleinen Bedeckung gegen Hannover zu Marduk. In einem Begleitbrief erklärte er, er stelle sich, im Besitz starker Waffen, die er den Aufrührern durch List abgenommen hätte, zu Marduks Verfügung. Er schüttelte sich freudig, als der Transport mit der Castel sich von ihm verabschiedete: „Du bekommst keine Rübe, Angela Castel. Du bist für Höheres ausersehn. Laß dir von Marduk das Fenster zeigen, durch das die Balladeuse gesprungen ist.“
* * * * *
Wie Jonathan wiedererwachte, war sein leichter Metallflieger zertrümmert. Er mußte in tagelangem Marsch durch das gefährliche winterliche Land. Im Mecklenburgischen war sein Sitz. Er wanderte zuletzt auf den Wegen, die die Castelsche Horde von Lauenburg her genommen hatte; den Treibjagden der Bauern auf verdächtige Menschen sah er zu. In ein weißes Schafsfell gehüllt wanderte der stille Mann; geängstigt wie unter einer Verfolgung war er. Die Flüche der Leute hetzten ihn. In einer dunklen Weise kam ihm vor, daß er mit diesen Bauern verbunden war, und er wollte sie nicht lassen. Und zitternd fühlte er, daß er sie verraten hatte. Ein Verhängnis hatte ihn bewogen, sich den Täuschern an die Brust zu werfen. Er sah sich plötzlich in Gedanken laufen von den Rathausstufen hinter einem zerlumpten Mädchen: Elina. Mit ihr fing es an. Dann die Flucht, die Reise mit ihr, die Verlockungen, die Liebe zu ihr. Er blieb, kaum eine Stunde von seinem Haus entfernt, bei einem befreundeten Täuscher, einem alten Mann, der verwundert um ihn herumging, weil er bedrückt war, während ihnen die Stadtschaft schon zufiel. Giftig entfernte sich Jonathan aus seinem Zimmer, schloß sich in einer Versuchskammer ein. Er saß auf einer Kiste, saß von Mittag bis in die Finsternis. In der Nacht zuckte er, wie er nur eine unruhige Stunde geschlafen hatte, auf und saß hoch: Flammen waren vor seinen Augen, in den Flammen brannten Teile von Menschen, Schultern Arme, ein sich windender Leib mit bloßem Nabel: das regte sich, loderte grellrot. Seine Mutter. Seine Mutter brannte. „Zu Marduk, zu Marduk“, schrie es in ihm. „Ich muß hin. Ich kann nicht. O Hilfe.“ Und wie er sich ankleidete mit klammen Fingern, wimmerte er: „O Hilfe.“ Er lief aus dem Haus. Im Finstern fand er sich nicht zurück. Er wollte nach Hause. In einer Ackerfurche mußte er in der tiefen Finsternis zwei Stunden warten, bis das graue Licht am Himmel erschien. Da begann er zu stampfen und zu wandern. Er schlug gegen die Tür seines Hauses: „Ist wer da? Ist wer da?“ Und immer brüllte er, ohne die Antwort abzuwarten: „Ist wer da?“ Auch noch als Elina erschrocken heraustrat, schrie er und schlug gegen die Tür: „Ist wer da?“ Hereingezogen hörte er nicht auf zu rufen, bis sie ihm mit der Hand den Mund verschloß, ihn auf eine Bank herunterzog, wo er stier saß und die Fäuste ballte, ohne zu sprechen. Sie hatte nur einen dünnen Überwurf an; wie sie seinen Kopf an ihre Brust zog, fühlte er die Wärme, bog sich ab, murmelte wieder fremd: „Wer ist da?“ Und ging stürmisch mit wilden Blicken herum. „Bleib sitzen“ bat er sie nach einer Weile, wie er einen Schemel heranziehend sich vor sie setzte, die auf der Bank das Gesicht verhüllte. „Ich bin ohne Hilfe, Elina. Ich weiß, wenn ich mit dir spreche, auch du kannst mir nicht helfen. Marduk hat mich, als ich zu ihm kam, ergreifen lassen. Man hat mich hochgehoben. Ich bin betäubt worden.“ Sie weinte auf, er ließ sie nicht an sich kommen. „Wo soll ich jetzt hin, Elina. Ich kann nicht allein sein. Ich muß zu ihm.“ „Was hast du ihm gesagt, Jonathan.“ „Daß ich ein Täuscher bin. Es mußte heraus aus mir. Ich schämte mich meiner. Es ist heraus. Es ist gut. Ich habe mit den Täuschern nichts zu tun. Ich hatte nie etwas mit ihnen zu tun. Nie. Ich verfluche sie.“
Seine Augen brannten fremd und feindlich gegen sie. „Und Marduk?“ „Hat an mir getan, was recht ist. Nur nicht genug. Gepeitscht und gebrannt hätte ich werden müssen. Das hätte mir zugestanden. Oder mich auslöschen. Jetzt bin ich ohne Hilfe. Oh. Oh.“ „Du bist doch bei mir, Jonathan. Wir wollen fort aus dem Land.“ „Ich will nicht. Ich trag mich ja nicht weg. Ich geh nicht von ihm. Ich geh nicht weg von ihm. Ich – kann auch nicht. Jetzt weißt du’s.“ „Ich hab es schon immer gewußt.“ „Jetzt weißt du’s.“ Sein Gesicht hob sich leidend vor ihr: „Und was sagst du, Elina?“ „Du willst ja keine Hilfe von mir. Ich bin ja deine Feindin.“ „Nein. Sag das nicht. Komm doch wieder her zu mir. Laß mich vergessen.“
Er war aufgestanden. Er hatte sie umschlungen, die mit einem abwesenden suchenden Ausdruck ihr nasses Gesicht an seins lehnte. Er flüsterte: „Ich habe dir von meiner Mutter erzählt. Die hat er umgebracht. Aber mir ist nie, als ob er sie umgebracht hätte. Nein, sag nichts dazu, lach mich nicht aus. Mir ist, als ob er mit ihr zusammen etwas wäre, als ob er mit meiner Mutter verbunden wäre, wie mein Vater, den ich nicht kannte! Er. Er. So ist er mit ihr zusammen. Ich kann nur bei ihm ruhig werden. Bin ich von ihm, bin ich zerrissen.“ Sie flüsterte zur Seite blickend: „Und wie stehst du zu mir.“ „Ich weiß nicht, Elina. Mir ist jetzt wohl bei dir.“ „Es geht wohl zu Ende mit Marduk?“ „Sag das nicht, ich fleh dich an, sag das nicht.“ Er ließ sie los, schlenderte im Zimmer herum, stand am Fenster. Rotes Licht blitzte über den grauen Himmel.
Wie er eine Zeit ruhig stand und nicht sprach, hatte sie ein Knie auf den Stuhl geschoben, den Kopf gesenkt und gesonnen. Ohne ihre Haltung zu verändern, rief sie: „Jonathan.“ „Ja.“ „Jonathan, ich weiß einen Rat.“ Er drehte sich rasch um, schritt auf sie zu, die sich nicht bewegte, griff an ihre Schultern: „Nichts sagen, Elina. Ich bitte dich, nicht auch du. Gib mir keinen Rat. Quäl mich du nicht auch.“ Sie gab klar von sich: „Du brauchst einen Rat. Du brauchst Hilfe. Ich quäle dich doch nicht.“ „Ich sehe, ich sehe, jetzt wirst du dich gegen mich erheben.“ „Ich weiß einen Rat, Jonathan. Aber ich bitte dich, mich tun zu lassen, was nötig ist.“ „Du glaubst, ich muß allein sein. Du willst mich verlassen.“ „Nein, ich werde zu Marduk gehen.“ Er ließ von ihren Schultern, bückte sich, suchte ihr von unten in das herabhängende Gesicht zu sehen. Er hauchte zurückweichend: „Zu Marduk willst du gehen.“ „Ja.“ „Weil ich geschlagen bin?“ „Jonathan, ich werde es tun. Laß mich es tun.“
Er ging an die Wand. Auf eine Fensterbank ließ er sich nieder: „Marduk hat mich greifen lassen und fortgestoßen. Jetzt du.“ „Was soll ich sagen. Ich kann dir keine klare Antwort geben. Ich bin – dir innig gut. Mich schmerzt es, daß ich dich so sehe. Ich glaube, ich will, ich will – an ihm tun, was du wolltest.“ Und den Kopf hebend, immer sinnend, in die Ferne mit einem Lächeln hörend, atmete sie: „Ich muß zu ihm. Glaubst du nicht, daß er jetzt auf mich wartet? Es war mir sicher, daß er dich zurückweisen würde. Ich helfe ihm. Du kommst – dann noch einmal zu ihm. Wenn du noch einmal kommst und ich bin es, so wird er dich nicht zurückweisen.“ Sie lockte Jonathan: „So ist es. Komm doch, Jonathan. Komm. Sieh, ob ich nicht du bin. Ob ich dich nicht zu ihm tragen kann mit meinem Körper. Komm, habe doch keine Furcht vor mir. Wir haben ja hundertmal zusammengelegen.“ Und sie ging ihm entgegen, der sich verwirrt erhoben hatte, umschlang ihn: „Mein Jonathan. Meine Wonne. Umschling mich, damit ich ganz du bin. Mir ist mit einmal so wohl. Gib mir. Halt nicht zurück. Mach deine Lippen auf, mach deine Augen auf. Ich bin Elina. Ach! Ich habe Sehnsucht Sehnsucht Sehnsucht nach dir. Namenlose Sehnsucht.“ Er hatte den Kopf auf ihrer Schulter, flüsterte: „Wie bist du sonderbar.“ Fester hielt er sie. „Jonathan, ich bin dein Hafen. Du bist ruhig. Es geschieht dir nichts. Du bist wohl bei mir.“ „O wie bist du.“ „Komm, ich muß dich küssen. Ich bin sehnsüchtig nach dir. Deinen Mund. Deine Augen. Wie liebe ich dich. Halte dich nicht zurück.“ „Ich tu es nicht. Ich halte mich nicht zurück vor dir.“ „Erkennst du mich wieder. Elina, deine Freude. Und du bist meine Glückseligkeit. Ich kann dir gar nichts schenken. Ich muß deine Hände küssen. Deine Füße.“ „Nicht, Elina.“ „Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist so rasend.“ „Nach dir. Ich kann dich nicht stehen sehen. Ich möchte dich ganz verschlingen in mich. Jeden Teil, den ich von dir sehe, beneide ich um dich. Deine Jacke, deine Haare, ich kann sie nicht außer mir dulden. Ach küsse mich auch. Bin ich nicht deine Elina?“ „Du bist es und bist es nicht. So wild bist du.“ „Mir kommt vor, als hätte ich dich nie geliebt. Jetzt liebe ich dich erst. Zum erstenmal. Als hätte ich bis jetzt mit dir gespielt. So unersättlich unersättlich, Jonathan, so unersättlich bin ich nach dir. Komm. Die Sonne geht auf. Es ist so hell. Leg dich zu mir.“ „Ich weiß nicht, wie mir ist, wenn ich dich sehe.“ „So steh nicht still. Liebst du mich nicht?“ „Ich ängstige mich, nein, mich graust es vor dir.“ „Vor mir, vor mir?“ sie lachte, ihn heftig umschlingend, „aber ach sprich nicht so, ich habe solche Sehnsucht nach dir.“
Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn fester. Er bettelte: „Süße Elina, was ist dir. Habe ich dich gekränkt. Hab’ ich dir weh getan.“ „Ich bin gut. Mehr als gut. Wie du süß bittest. Peinige peinige mich nicht.“ „Nicht peinigen. Meine Elina. Deine übermüdeten Augen.“ „Jetzt bist du mein Jonathan.“ Sie warfen sich auf ihr noch offenes noch warmes Bett. Unersättlich war sie in ihrer Raserei. Sie weinte immer: „Ich habe dich so entbehrt.“ Er tröstete sie; es tat ihm tief wohl sie zu trösten.
Nach Stunden, am hellen Vormittag, stand sie vor ihm, der geschlafen hatte. Er zog sich rasch an. Sie küßte ihn, während er sich anzog; er mußte sie abwehren. Sie bat und drängte, er möchte sie doch lassen. Und als sie vor dem schneebedeckten Garten standen, die winterlichen Felder rechts und links, erblaßte sie, klammerte sich an ihn. „Jetzt geh’ ich bald weg.“ „Nicht zu Marduk.“ „Ich muß.“
Sie ließ ihn los, stürzte ins Zimmer. Wie sie im weißen Pelzmantel, die Pelzkappe auf dem Haar, neben ihm war, blickte sie ihn an, dem der Kopf auf die Brust gesunken war. Sie hob die Arme: „Ich kann nicht.“ Sie lief, während er sich nicht bewegte, durch den weißen Garten weg auf die Allee, schluchzend: „Ich kann nicht.“
Und erst, als sie eine Stunde gelaufen war, hörte sie auf zu weinen. Sie sah die schneebeladenen Bäume, die endlos weiten Felder. Matter war sie. Sie atmete tief. Sie fühlte: „Ist dies schön!“ Und dann immer: „Ich geh’ zu Marduk.“
* * * * *
Die Horden bildeten in den Lagern ihre barbarischen Sitten aus. Sie zwangen sich zu hungern, in der Kälte sich halbnackt zu bewegen, gröbste Ackerdienste zu tun. Die Äcker der Krieger, von Tag zu Tag neu mit Steinen besät, waren berüchtigt. Folterspiele, die dicht an den Tod des Gefolterten führten, waren im Schwange. Laufen über spitze Kiesel mit nackten Sohlen leitete ein. Dann nächtiges unerwartetes Kämpfen mit einem starken Menschen, der die Schlafenden überfiel. Keiner kam dem Schreienden zu Hilfe; bis zum Tode hatte er sich zu behaupten und oft führte die Wildheit des Kampfes zum Tode eines, meist des Neulings. In den Horden hatte man verschiedene Abzeichen, aber nirgends herrschte despotischer Gehorsam. Die Gesiebten führten eine Art Ratsversammlung, wobei sie finsteren Ernst bewahrten, über Neulinge berichteten, Aufnahmen bestimmten. Vor diesen Versammlungen fanden auch die sogenannten „Zeichnungen“ der Neuen statt. Das waren in den Horden, je nach dem Vorwiegen barbarischer oder weißer Elemente, verschiedene Prozeduren; man wechselte auch in den Horden selbst damit: Einbrennen von Brustschildern, Zertrümmerung einer oder beider kleinen Zehen, Ausschlagen von Zähnen. Bisweilen wurden diese Maßnahmen abseits vollzogen, in der Regel vor der schweigenden Ratsversammlung, die in erhaltenen Lagerräumen, alten noch kostbar ausgeputzten Vergnügungsbauten stattfand. Sitten dieser Art waren seit dem Umschwung im Märkischen nach dem Uralischen Krieg allgemein geworden. Die „verlängerte Taufe“ war eine Prozedur, die viele Mütter an ihren Neugeborenen übten: Unterwasserhalten der Säuglinge bis zu einem gegebenen Zeichen. Diese „Taufe“ forderte zahlreiche Opfer und war ein Mittel, überflüssige und ungewünschte Kinder, besonders weibliche, aus der Welt zu schaffen. An „Tölpelspielen“ übten sie sich, höchst gefährlichen Spielen, bei denen Gefangene an nicht sehr wirksame Nahapparate gestellt wurden. Den Gefangenen gab man zu ihrem Erstaunen solche Apparate in ihr Gefängnis, das sie burgartig ausrüsten durften. Aber rasch erlebten sie, was man mit ihnen vorhatte: nächtliches Fortnehmen der Apparate durch Männer, die sich einschlichen; denn sie hatten ihre Gefängnisse selbst zu bewachen; an Ausbruch dachte niemand bei der Nähe der stärksten und listigsten Menschen und der nicht weit entfernten schweren Fernapparate, Nebelwerfer Wolkenentwickler Verzauberer Veräscherer. Plötzlich stand jemand neben ihnen, tat, als wenn er sie besuchen wollte, vielleicht verräterische Freundschaft mit ihnen anknüpfen. Und bald stieß er das gelle Hordengeschrei aus, lag auf dem erbeuteten unscheinbaren, mit Hebeln Knöpfen Schiebern versehenen Kasten, blitzte durch den Raum. Bisweilen kam es zu Schlachten in größeren Gefängnissen. Die Angreifer mußten sich durch Sprünge aus dem Fenster retten, büßten ihre Kühnheit mit dem Leben. Von außen kam ihnen niemand zu Hilfe.
In solch Gefängnis, im Hordenbereich bei Linden, wurde Angela Castel mit ihren Frauen und einer Anzahl Täuscher verbracht. Die hellbraune Führerin glaubte, Marduk werde sie vernehmen; ganz leise hoffte sie, Marduk werde sich ihrer bedienen gegen Zimbo. Aber er kam nicht. Nur in beschämender Weise wurden ihre Frauen vor Hordenversammlungen gezogen, Selbstmorde fanden statt. Darauf setzten die Überfälle ein, die zuerst in dem Gefängnis niemand verstand, und die Ausrüstung der Gefängnisse mit Nahwaffen. Eine Ermahnung an die Gefangenen kam: sie seien selbst Hüter ihres Lebens, es würde ihnen in Gefahr niemand beistehen. Dann wurde klar: die Horde betrachtete sich in Kriegszustand mit den Gefangenen. Entwürdigungen der Frauen ließen nach; man bewahrte sie für Kämpfe auf. Da begann die Castel mit ihren Frauen sich auf Krieg einzurichten. Nach zwei Wochen galt ihr Gefängnis als unnahbar. Die Castel wußte, daß sie unter der Aufsicht von Fernwaffen stand, aber daß sie vor ihnen unbesorgt sein konnte. Die Frauen im Gefängnis waren von der größten Wachsamkeit, das Gerücht von dieser Festung lief zu entfernten Gruppen. Starke Überfälle wurden auf diese Burg verabredet; viele Männer kamen um; nur List und waffenlose Gewalt war den Männern erlaubt.
Da erschien Marduk, wie Tauwetter eintrat, mit seiner Wache auf dem Platz vor dem Gefängnis am späten Nachmittag, ließ Frauen und Männer heraustreiben. Er fragte nach der Castel. Ging schon, als man sie rief, zwischen dem Haufen hindurch, betrachtete die Menschen, die stumm die Arme hängen ließen oder sich mit einem Gruß verbeugten. Blasse schwächliche und starke Frauen; wilde südliche Gesichter, feine weiße Züge der Menschen aus den alten Herrengeschlechtern, zornige und kalte herausfordernde, weichliche Mienen, Augen, die keine Kenntnis von ihm nahmen. Er kannte sie, die aus den heimlichen Versuchsstätten hergescheucht waren; besser als seine jahrzehntelange Beobachtung hatte der westliche Vorstoß, der Krieg, ihre Hoffnung sie herausgetrieben. Sie konnten ihrem hochmütigen Drang nicht entsagen; es war ihnen recht, daß sie hier standen. Ein Hauptmann ging neben Marduk durch die Schar, die sich überall rasch öffnete und um ihn weit Platz ließ. Sie schienen, wie die Blicke, die sie sich zuwarfen, das rasche Anstoßen mit den Schultern zeigten, Furcht vor einem unvermuteten Angriff zu haben. Aber Marduk ging, während die Castel ihn seitlich erwartete, durch die Schar. „Was willst du?“ hob Marduk die pelzbeladenen Schultern, als die Castel sich vor ihn stellte, klein, mit strengem ernsten Ausdruck. „Du hast nach mir gefragt. Ich bin Angela Castel.“ Marduk, den ein Windstoß traf, drehte sich um; er ging hustend mit ihr zwei Schritt seitwärts: „Es ist eine Frau ins Lager gekommen, eine Täuscherin wie du, oder doch die Gefährtin eines Täuschers. Sie heißt Elina.“ „Ich kenne sie nicht.“ „Sie ist wahrscheinlich selbst eine Täuscherin, obwohl sie aus irgendwelchen Gründen behauptet es nicht zu sein. Ich habe Veranlassung sie festzuhalten. Sie kommt in dein Gefängnis.“ Dann drehte er sich ihr voll zu: „Im übrigen habe ich gehört, daß ihr euch bei Überfällen gut haltet. Ich möchte dir raten, es nicht zu weit zu treiben.“
Die Castel gab den andern, über die sie Gewalt wie früher hatte, keine Auskunft über das Gespräch mit Marduk. Während sie ins Gefängnis zurückkehrte, mit zusammengepreßten Lippen, war ihr klar, daß Marduk wegen dieser Frau gekommen war und ihm an ihr gelegen war. Sie ballte die Faust. Und als Elina nach einer Stunde eingebracht wurde, erfuhr Angela Castel, daß dies die Gefährtin Jonathans, Marduks Freundes, aus dem Mecklenburgischen sei: So hatte man Jonathan, den leichtsinnigen von allen geliebten, auch entdeckt. Viele weinten an dem Abend im Gefängnis. Elina, bei der Castel sitzend, sah es mit Verwunderung und leiser Freude. „Wir werden Opfer sein. Was kann sich der kleine Marduk gegen die Welt behaupten“ weinten sie trotzig. Elina dachte: „Ich könnte nicht über Jonathan weinen, selbst wenn er eingesperrt wäre. Dabei bin ich ihm gut. Was tut Marduk mit mir.“
Sie erlebte noch in derselben Nacht einen furchtbaren Angriff der Barbaren auf die Gefangenen. Sie hörte das Todesröcheln einer erwürgten Frau in ihrer Nähe, das Knattern der kleinen Glutschleuderer, sah die erleuchteten tobenden entdeckten Männer, halbnackte, mit bloßen Füßen, über deren Körper die entzündete Masse wie ein Schleier lief. Unter trockene Lederschürzen warf man sich; sie lag neben der Castel. „Muß ich das oft erleben“ fragte sie am grauen Morgen die Castel. Die lächelte böse, noch liegend: „Solange es den Hunden gefällt, uns anzugreifen.“ „Weiß Marduk davon?“ „Gut, mein Hühnchen. Schlaf noch, damit du in der Nacht munter bist.“ „Was hat er mit mir vor?“ sann Elina. „Er hat mich wie eine Fremde angesehen.“ Sie mußte tagsüber dauernd zusehen, wie man tote Männer zum Fenster hinauswarf. Die Zahl der Frauen verminderte sich. Nacht um Nacht, Tag um Tag wurden welche geraubt erwürgt erschlagen, kamen von Nachbarapparaten um. Die angreifenden Horden liebten es Gefangene zu machen; es galt als besondere Ehre eins von den starken Weibern lebend zu fesseln. Zum Hohn wurden sie vor dem Gefängnis mit Stricken geschlagen, um die Gebäude herumgejagt, an einen erhöhten Pfahl mit geschlitzten Röcken und eingepflanztem Rübenkraut gebunden. Regelmäßig endete dieser Vorgang mit einer gewaltsamen echt märkischen Prozedur: mit Ketten hingen die Gefangenen, während ein Feuer lohte, an dem Eisenpfahl in der Mitte des Platzes. Sie setzten sich der Erstickung oder Verbrennung aus, wenn sie sich nicht losrissen. Die Ketten aber endeten nicht an den Händen Füßen Knien Leibern der Gefangenen, sondern gingen in Roßhaare aus, die durch die Zunge Armmuskeln Brustmuskeln gezogen waren. Es war Sache des Mutes oder der Todesangst der Gefangenen sich loszureißen, das Fleisch zu zerreißen. Mit Bewunderung oder Verachtung sahen die Männer dem kämpfenden schreienden zusammenbrechenden oder davonstürzenden, blutend hinrollenden Wesen zu.
Die Apparate in den Gefängnissen wurden weniger. Und als es klar wurde, daß man zu Ende war, fingen die Frauen an, ihr Augenmerk auf Elina zu richten. Die Castel hielt sie immer dicht bei sich, beobachtete sie. Elina hatte sich nie für eine Täuscherin ausgegeben. Die Weiber haßten sie, die Castel mußte sie schützen. Jetzt bestürmte sie Elina; sie sei eine Freundin Marduks, sie solle ihnen beistehen. Elina wich aus; sie sei von Marduk nur eingesperrt worden.
Da fingen die Weiber an sie zu martern. An ein Fensterkreuz banden sie sie, damit die Krieger draußen sie sähen. Die draußen kannten Elina nicht, wußten aber, daß der Konsul sie hergeführt hatte. Sie faßten die Marterung Elinas so auf: die Weiber wollten den Konsul verspotten. Man machte besondere Jagd auf Elina.
Eine Horde hatte sich bei Linden festgesetzt; deren junge Mannschaft setzte sich die Ausräumung des Weibergefängnisses als Ziel. List bei Überfällen gab es nicht mehr. Türen und Fenster waren mit den letzten Apparaten verbarrikadiert; unter den Fenstersimsen lagen die haßgepeitschten Weiber. Es geschah in diesen grausigen Tagen, daß sie unerwartete Hilfe bekamen: Männer aus der Angreiferhorde selbst, fanatische, die im halben Einverständnis mit ihrer Horde sich hatten überwältigen lassen und mörderisch ringend gegen die Angreifer vorgingen. Der Kampf war hier schwer: das lockte sie. Die Angreifer hatten es auf die zarte, allen bekannte, Tag um Tag ans Fensterkreuz gebundene Elina abgesehen. Bei den wütenden Angriffen erlag Weib um Weib; zu Angela Castel und Elina drangen sie nicht vor.
Als noch ein kleiner Haufen Weiber übrig war, erbittert eiskalt schwer erschöpft, kaum imstande die Apparate zu bedienen, kaum stark genug, in der üblen Luft die Leichen der Männer und Frauen fortzutragen, gaben sie zuerst den zugekommenen Männern auf, sich zu entfernen; sie wollten sie nicht mehr. Darauf hieß es mit der Angela Castel und Elina fertig werden. Es war, da die Castel sich weigerte, Elina freizugeben, unzweifelhaft, daß man beide beiseite bringen mußte. Die Castel war täglich auf die stumme Elina eingedrungen; sie sollte zum Konsul, nicht um gegen den Tod zu protestieren, aber gegen die beispiellose Barbarei. Sie hatte nur einmal eine Antwort bekommen. Aus gequälten Augen hatte sie die zarte Person angesehen, ihre Hand genommen: „Er ist kein Mensch; er ist ja selbst ein Tier.“ Die vertrocknete kleine Angela gab sie nicht frei.
Als die Führerin das Gewisper unter den andern merkte und beunruhigt verzweifelnd, selbst vorschlug, nach den Männern vor dem Ende noch dies Weib hinzustrecken, war es schon zu spät. Die Frauen erfuhren kurz darauf den letzten vernichtenden Angriff. Die Horden waren, wie man von den Fenstern schon bemerkt hatte, seit Tagen in ständiger Bewegung, deren Ursache unbekannt war. Neue Haufen zogen durch den Ort. Geräte und Fernwaffen wurden vorbeigefahren. Kleine Reiterabteilungen trabten durch. Die Horde selbst, in deren Bereich das Gefängnis lag, brannte rückwärts liegende Häuserreihen ab. Ihre jüngste Mannschaft überfiel vor dem Abrücken noch das Gefängnis, das eine vorüberziehende Truppe mit einer Fernwaffe hatte ersticken oder einäschern wollen. In wilder Trunkenheit drangen sie einzeln vor Nacht ein, nachdem sie unter Gebrüll auf dem Platz vor der Halle einen riesigen Strick vorbereitet hatten. Daran banden sie herausstürzende verzweifelt angreifende niedergezwungene Weiber eins neben dem andern an den Haaren. Kein Verlust konnte die sinnlos brüllenden, glotzäugig geifernden, steigenden kletternden drängenden zurückhalten. Alles was die Truppe hatte quoll ein. Über das Dach und durch hohe Fenster stiegen sie. Hinter den verbarrikadierten, zwischen ihnen tauchten sie auf.
Der Strick war auf dem finsteren Platz zwischen zwei Steinpfeilern ausgespannt, wartete. Aber die drin waren vom Blutrausch befallen, Männer wie Weiber, kannten und wollten kein Erbarmen. Das Ringen Würgen Stöhnen Niederkrachen. Die Männer standen, als sie keinen Gegner mehr fanden und noch eine Handvoll Weiber für den Strick hinausgetrieben wurden, da, tobten, schäumten herum, zerschlugen was sie fanden, Betten Geräte, sprangen aus dem Fenster, zündeten Türen Fensterrahmen an.
Im lohenden Licht des Feuers unter den stiebenden Funken die Gefangenen. Dazwischen die halbtote Elina, die schon sterbende Castel, der der Bauch aufgerissen war, auf der lehmigen Erde. Der Strick war zwischen sechs Pferden an beiden Enden ausgespannt. Er hing am Mundzaum der zerrenden Tiere. Finstere Nacht zwischen den Ruinen bei Linden. Ein Trupp von berittenen peitschenbewaffneten Kriegern machte sich auf, während die Horde johlend abzog, die Gefangenen zu Marduk zu treiben. Auf die sechs Pferde setzten sich Krieger. Mit Hott und Hüh, bald langsam, bald im Galopp, über Straßen Baumwurzeln ging der Weg.
* * * * *
Marduk hatte seine gefährliche Situation erkannt. Er sah die rätselhafte Haltung Zimbos, des Mannes, den England im Land abgesetzt hatte, und der sich der feindlichen Triebkräfte in der Mark bediente. Und zum erstenmal in seinem langen Konsulat hatte er gefühlt, daß Markes Werk und seines gut war; es sollte nicht untergehen.